In seinem Element: Christoph Kuckelkorn beim Kölner Karneval 2019 zusammen mit seiner Ehefrau Katia (re.) und einer sichtlich gut gelaunten Anne Will (li.).
+
In seinem Element: Christoph Kuckelkorn beim Kölner Karneval 2019 zusammen mit seiner Ehefrau Katia (re.) und einer sichtlich gut gelaunten Anne Will (li.).

Bestatter Christoph Kuckelkorn über den Tod und die Narren

Feiern wir das Leben! Interview mit Christoph Kuckelkorn - Bestatter und Karnevals-Chef

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
    schließen

Christoph Kuckelkorn leitet in fünfter Generation ein renommiertes Bestattungsunternehmen in Köln – und ist Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. Für ihn kein Widerspruch. Denn ob er nun den Rosenmontagszug plane oder den Trauerzug von Kardinal Meisner – die Organisationsaufgaben seien mehrheitlich die gleichen. Ein Gespräch über Karneval, Leben und Tod.

  • Christoph Kuckelkorn bestattet auch viele sehr prominente Menschen wie Dirk Bach, Guido Westerwelle und Kardinal Meisner
  • Sony Pictures produzierte für VOX eine vierteilige Doku-Soap über Christoph Kuckelkorn
  • In seinem Buch „Der Tod ist dein letzter großer Termin“ erzählt der 56-Jährige leidenschaftlich von seinem Beruf

Herr Kuckelkorn, das bunte Treiben fällt heuer aus. Eine ungewöhnlich entspannte fünfte Jahreszeit also für Sie?

Christoph Kuckelkorn: Das sagen Sie so! Ich glaube, dies ist das arbeitsreichste Jahr für uns Karnevalisten überhaupt. Nichts läuft diesmal nach Schema F. Wir haben die Proklamation des Kölner Dreigestirns beispielsweise als Spielfilm gedreht. Proklamation im Saal, das ist unser Handwerk, das kennen wir, aber jetzt mal ein Drehbuch zu schreiben und einen Film zu produzieren – da muss man völlig neu denken. Und glauben Sie mir: Dreharbeiten in Corona-Zeiten sind alles andere als witzig.

Sie scheinen tatsächlich alles daran zu setzen, dass der Karneval trotz Corona überlebt. Weil er viel mehr ist als Trinken und Schunkeln?

Christoph Kuckelkorn: Ganz genau. Das ist von außen betrachtet schwer nachzuvollziehen. Aber für uns hier im Rheinland hat der Karneval unglaublich viele soziale Aspekte. Gerade jetzt, da so wenig Interaktion möglich ist. Etwa für Menschen im Hospiz, die vielleicht ihren letzten Karneval erleben. Deshalb haben wir Konzepte entwickelt, wie wir unter Corona-Schutzvorkehrungen weiter zu diesen Menschen kommen können. Wir hatten gerade einen Altenheimauftritt: Die Bewohner waren in ihren Zimmern, haben die Fenster aufgemacht, waren verkleidet, sogar geschminkt. Und wir haben im Garten ein karnevalistisches Programm geboten. Die Menschen dort sind zurzeit ja in ihren Zimmern quasi in Quarantäne. Das ist doch grauenhaft – das ist wie Einzelhaft. Wenn dann der Karneval mal kommt und eine gewisse Leichtigkeit bringt, hat das eine enorm positive Wirkung.

Auch durch die Musik?

Christoph Kuckelkorn: Oh ja, besonders durch die Musik! Testen Sie das mal: Wenn Sie mit dem Auto an der roten Ampel stehen und Karnevalsmusik so laut aufdrehen, dass es der Fahrer im Auto neben Ihnen hört – da wird der sofort lächeln, der bekommt direkt Hunger. Ich sage auch zu meinen Korps-Leuten hier: Zieht euch, wenn ihr einkaufen geht, die Uniform an, geht darin zum Supermarkt. Das bringt ein Riesenhallo, die Leute saugen das auf wie ein Schwamm.

Nun sind Sie nicht nur Karnevalist, sondern hauptberuflich Bestatter. Passt das zusammen?

Christoph Kuckelkorn: (Lacht.) Viele sagen ja immer, das sei der totale Gegensatz. Nein, für mich ist es die logische Ergänzung. Wir Bestatter sind Seelsorger, Begleiter, Unternehmer und so weiter. Aber letztlich sind wir Eventgestalter. Natürlich ist es inhaltlich etwas anderes, eine Karnevalssitzung zu inszenieren als eine Trauerfeier, aber das organisatorische Handwerkszeug ist das gleiche.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass es auch von der Stimmung her im Karneval ernsthaft zugehen kann wie bei Abschiedsfeiern.

Christoph Kuckelkorn: Ja, es gibt einige Parallelen. Wenn wir eine Karnevalssitzung haben, gibt es Lieder, die Sie zu Tränen rühren. Bei denen sich die Menschen in den Armen liegen – und zehn Minuten später sind dieselben Leute auf den Stühlen und machen Party. Die Akzeptanz dieses Nebeneinanders von Leben und Tod ist, glaube ich, etwas Besonderes. Alle Karnevalsbands spielen Lieder, die vom Tod handeln. Die werden in Köln übrigens auch gern auf Beerdigungen gespielt. Sie merken: Ich lebe und arbeite genau in der richtigen Stadt! (Lacht.)

Gibt es auch Menschen, die sich im Karnevalskostüm bestatten lassen?

Christoph Kuckelkorn: Oh ja! Das ist für uns inzwischen ganz normal. Und wenn Sie in diesen Tagen etwa über den Kölner Melaten-Friedhof gehen, sehen Sie an vielen Kreuzen und Grabsteinen Orden hängen. Da besuchen die Karnevalsvereine ihre verstorbenen Mitglieder und heften ihnen noch einmal so einen Orden ans Denkmal, das ist total schön. Das rührt.

Und was ist, wenn am Rosenmontag jemand verstirbt? Müssen Ihre Mitarbeiter ran, oder stellt der Chef das Feiern ein?

Christoph Kuckelkorn: Wir haben unser Hauptgeschäft in der Innenstadt, wo der Rosenmontagszug vorbeigeht. Man kann also normalerweise von Karnevalssamstag bis -dienstag nicht zu uns kommen. Und es ist rundum so ein Tohuwabohu, dass keiner eine Beratung bei einem Sterbefall durchführen will. Da merken wir, dass die Angehörigen sich von sich aus einen Tag später melden. Oder wir fahren zu ihnen nach Hause.

Und in diesem Jahr – der Zug fällt ja aus...

Christoph Kuckelkorn: Tja, das ist die große Frage: Für manche Kölsche ist das vielleicht auch etwas, wo sie sagen: Ach, komm, legen wir die Beerdigung auf den Rosenmontag. Also natürlich nur, wenn der Mensch jetzt ohnehin gerade stirbt. (Lacht.) Ansonsten werden meine Familie und ich uns kostümieren und im Fernsehen dem Puppen-Zug zuschauen.

In welcher Klamotte?

Christoph Kuckelkorn: Das weiß ich noch gar nicht. Aber wissen Sie, der Kölner an sich ist nicht einer, der sagt: „Dieses Jahr werde ich Cowboy“ – und zieht los und kauft sich ein Cowboy-Kostüm. Ein Kölner hat auf dem Speicher eine Kiste mit Kostümen, da kramt er kurz vor der Feier etwas heraus und improvisiert. So agieren 90 Prozent der Leute, da bin ich auch einer davon. Bei uns ist es mittlerweile ein ganzer Kleiderschrank. Ich stelle mich davor und denke mir: Wonach fühlst du dich denn heute? Bist du eher der Pirat oder eher der Clown?

Halb-halb wahrscheinlich!

Christoph Kuckelkorn: (Lacht.) Im Zweifelsfall, was in Köln immer geht: eine Jeans anziehen, ein Ringelshirt, dann ist man bestens gerüstet.

Das Buch von Christoph Kuckelkorn, „Der Tod ist dein letzter großer Termin“ (Fischer Verlag, 288 Seiten; 16 Euro), können Sie bei Ihrem Händler ums Eck hier bestellen

Auch interessant

Kommentare