Feierstunde mit einem Wüstling

- Staatspräsident Arnold Rüütel brachte es vor dem Konzert auf eine simple Formel: "Morgen werden wir aufwachen in Estland als einem Mitglied der Europäischen Union." Also gut geschlafen, Tallinn? Wer den Wecker nicht um 0 Uhr piepsen ließ, der hatte den großen Moment glatt verpasst. Kein Feuerwerk, keine Straßenfeste im historischen Zentrum, keine hupenden Autokorsos. Dafür ein Männerchor vor dem Parlament, der zur nächtlichen Stunde die europäische und die nationale Hymne intonierte - die Hauptstadt beging den Beitritt eben auf gut Estnisch: bescheiden. Und gastfreundlich.

<P>Standing Ovations<BR><BR> Zur eigentlichen Feierstunde geriet nämlich der bejubelte, vom Herrn Präsidenten unbewegt, mit wohl nach innen gerichteter Freude zur Kenntnis genommene Besuch aus München, im örtlichen Touristenführer als "Bavarian Rhapsody" angekündigt.<BR><BR>Und was führten die Gäste der Tallinner Upperclass vor, die in gediegenem Tuch und mit Gala-Gesichtern erschienen war? Einen Schelm, der den Mitbürgern eine Nase dreht, sich frech mit der Obrigkeit anlegt. Und einen spanischen Wüstling, der, grob geschätzt, gut zweitausend Frauen ins Bett holte. Zugleich bedeuteten "Till Eulenspiegel" und "Don Juan" von Richard Strauss eine Belastungsprobe für den "Estonia kontserdisaal". Angetrieben von Thomas Dausgaard machte das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks den "Juan" zum dynamischen Ereignis, seinen musikalischen Bruder "Till" dafür zum Exempel hoher Spielkultur und individueller Pointierungslust.<BR><BR>Vorausgegangen war Strauss die zweite Ouvertüre des Esten Verljo Tormis (geboren 1930), ein dankbarer Reißer, entfernt verwandt mit dem "Star Wars"-Soundtrack. Nach der Pause dann Brahms' zweite Symphonie, vom Orchester gewohnt prachtvoll gezaubert - auch wenn Dausgaards Furioso-Lust manchen Passagen die Luft zum Ausschwingen nahm. Galt rhythmisches Klatschen bislang als Maximalausschlag estnischer Ekstase, so sorgte dieses Konzert für eine neue Dimension: Bravi, Trampeln, Standing Ovations, die Münchner belohnten dies mit einem Slawischen (Dvorá´k) und einem Ungarischen Tanz (Brahms).<BR><BR>Beim Empfang im großzügigen Dachgeschoss des Konzertsaals würdigte der nun lächelnde Präsident Rüütel dies als "historischen Tag, auch deshalb, weil wir ein großartiges Konzert hören konnten". Ein Konzert mit einer extrem kurzen Vorbereitungszeit: Erst im Oktober begann die Planung, (finanziell) unterstützt von Privatsponsoren, Auswärtigem Amt und Goethe-Institut. Dabei schienen die BR-Symphoniker doch dafür wie prädestiniert: Knapp ein Dutzend verschiedene Nationalitäten finden sich im Orchester, dazu wurde ein Däne verpflichtet, der auch noch Bayerisches (!) Straussgut dirigierte.<BR><BR>Gelebtes musikalisches Europa ebenfalls am Tag vor dem Konzert, wenige Stunden nach der Ankunft, als einige Musiker vom Olümpia-Hotel ein paar Straßenecken weiter in die Tallinner Musikakademie fuhren, um dort Meisterklassen zu geben. "Hello, I'm Florian." Und die erste Nachwuchsgeigerin, die Konzertmeister Florian Sonnleitner gegenüberstand, war: eine Spanierin, die über das Erasmus-Programm im Baltikum studierte.<BR><BR>Das Gros des Orchesters ließ sich derweilen durch eine der schönsten Altstädte Europas führen. Durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen, an auffallend bunt gestrichenen, zum Teil 700 Jahre alten Gebäuden vorbei, über den majestätischen Rathausplatz bis hinauf zum Toompea-Berg, früher Heimstatt der estnischen Adelsgeschlechter, heute Sitz des Parlaments und bekrönt von der trutzigen Domkirche sowie der orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale. Leicht auszumalen, dass dieser einzigartige Stadtkern, der heute hauptsächlich von Finnen und den "Inhalten" diverser Kreuzfahrtschiffe besucht wird, in zehn Jahren die touristische Überfüllung à la Prag droht.<BR><BR>Für den EU-Beitritt stimmten seinerzeit 67 Prozent. Dass den Esten dennoch nicht nach Freudentänzchen zumute ist, erklärt sich Mikko Fritze, Leiter des Tallinner Goethe-Instituts, so: "Man denkt hier eher pragmatisch, aus dem Gefühl eines ,Das muss man machen heraus." Überdies gebe es ein starkes Nationalbewusstsein. "Dadurch ziehen viele eine Parallele zu anderen, osteuropäischen Staatenunionen, die man doch gerade erst verlassen hat."<BR><BR>Eine Million Bäume</P><P>Dass dieser Blitzbesuch mehr als ein normaler Tourneetermin war, dass die BR-Symphoniker die historische Bedeutung des Konzerts spürten, ist aus vielen Gesprächen herauszuhören. Andreas Marschik, Orchestervorstand und Mitglied der Bratschengruppe, mahnt etwa: "Doch nur mit Kultur kann dieses Europa gestützt werden. Wir sollten nicht ständig an die Ökonomie denken." Aber da ist er bei den Esten ohnehin an der richtigen Adresse. </P><P>Denn die haben sich anlässlich des EU-Beitritts eine besondere Aktion ausgedacht: Bis Mitte Mai werden 20 000 Freiwillige im ganzen Land eine Million Bäume pflanzen. Ein starkes Symbol, sympathischer als manch Politiker-Äußerung, stärker als verpuffende Feuerwerkskörper. Und womöglich langlebiger als manch Staatenbund . . .<BR></P>

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