Feine, süße Selbstironie

- Auf dem Plakat sitzt Mario Adorf im Halbprofil, die linke Hand schirmt die rechte Gesichthälfte ab, der halbe Adorf liegt im Verborgenen. Eine ungemütlich unnatürliche Haltung ist das - aber sie spricht Bände.

Am Donnerstagabend feierte der Schauspielstar im Münchner Prinzregententheater seinen 75. Geburtstag, dazu sein 50-jähriges Bühnenjubiläum und den Auftakt einer kleinen Jubiläums-Tournee. "Da Capo, Mario", ruft er sich selbst im Titel des musikalischen Theaterabends zu, verspricht damit einerseits eine Retrospektive seiner zahlreichen Bühnen- und Filmauftritte und gelobt andererseits, davon längst nicht genug zu haben und auch mit 75 Jahren noch Luft zu holen für neue, unbekannte Skripttexte. Das ist die Gesichtshälfte, die keiner vorhersieht. Sie ist die private Sphäre, die sich Adorf trotz großer Medienpräsenz erhält, wegen der er schon im Vorfeld eine Fernsehgala vor Millionen Zuschauern ablehnte: Er wolle selber abfeiern, statt abgefeiert zu werden.

"Keine Laudatio, keine Reden, kein Sessel!"

Mario Adorf

"Keine Laudatio, keine Reden, kein Sessel!", grollt sein rauer Tenor nun auch über die Bühne des Prinzregententheaters. Man steckt dort noch mitten in den Endproben zum Festabend: einer von Adorfs Tricks, um aus der Feier kein melodramatisches Huldigungsspiel zu machen. Gemeinsam mit sieben Schauspielern - darunter seine Tochter Stella Maria und sein Freund und Kollege Peter Berling - präsentiert er dem Publikum auf amüsante Weise das (inszenierte) Unfertige, die eigentliche Welt des Schauspielers. "Das Leben ist eine lange Probe", erklärt Adorf, während er im ozeanblauen Pullover nachdenklich auf und ab geht - da capo. Und eben hier, in München, begann für Adorf die Zeit der Proben; hier ging er auf die Schauspielschule, hier hatte er erste Vorsprechen, hier stand er auf der Bühne, auch auf der des Prinzregententheaters.

Ein anderer cleverer Schachzug des Jubilars trägt den Namen Franz Wittenbrink. Der hat den feierlichen Anlass in einen seiner Liederabende gekleidet. Er lässt jeden seiner gestressten Theater-Typen - vom Techniker bis zum Regisseur, gespielt von Christian Friedel, Anneke Schwabe, Stephan Zinner und Daniel Friedrich - in um- und teilweise auf Mario Adorf zugedichteten Evergreens von besseren Zeiten singen. Stella Maria Adorf träumt derweil als Mitglied eines Winnetou-Fanclubs von einem Autogramm des Oberschurken Santer. Und dann taucht plötzlich auch noch die engelsgleiche Journalistin Sunny Yellow auf, hinter der sich ganz sicher Sunnyi Melles verbirgt und vielleicht auch die Monroe selbst, während sie Mario Adorf ihr markerzitterndes "Happy birthday, Mr. President" entgegenhaucht.

Doch nichts wirkt so stark und anrührend, vergnügt und leger, wie wenn sich die Bühne beruhigt, die Showtreppe erlischt und Mario Adorf sich selbst ein A-cappella-Liedchen schmettert, den Offizier der Leibwache aus "Don Carlos" gibt samt Anekdoten über die "schwarzen Löcher im Hirn", die Texthänger. In der gleichen feinen, süßen Selbstironie, in der Adorf erzählt, sind auch die Filmausschnitte gewählt und sortiert: Liebesstürme, Prügelszenen und spektakuläre Filmtode, vergiftet bis erhängt, "einmal an einem verschluckten Parteiabzeichen erstickt - und dann erschossen".

Adorf ist ein Understatement-Unterhalter in Perfektion; er schöpft aus einem immensen Schatz an Erlebnissen. Sie scheinen ihn nicht müde gemacht zu haben, und unermüdlich applaudiert ihm auch das Publikum, in Spannung auf die neuen Seiten des Jubilars, die heute vielleicht noch im Schatten liegen.

Die nächsten Stationen der Tournee sind am 11.9. das Hamburger Schauspielhaus und am 14.9. die Alte Oper Frankfurt, Köln 17.9., Berlin 19.9., Mainz 24.9.

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