Feiner Luftgeist

- Alles scheint zu stimmen: Ort, Zeit, Interpreten und natürlich das zugespitzte Programm. Auch bei der ersten "Nachtmusik" dieser Saison, am Samstagabend in der Pinakothek der Moderne, mit Werken des Schweizer Komponisten Frank Martin, drängten sich wieder Kunst- und Musikfreunde in der Rotunde.

Christoph Poppen und das Münchener Kammerorchester haben diesen, auch akustisch wunderbaren Mittelpunkt des Museums längst erobert und setzen mit ihren kleinen Porträts zeitgenössischer Komponisten einen Kontrapunkt zur bildenden Kunst, die vor und in der Pause des Konzerts erobert werden will. Auch wenn die großen Orchesterwerke in diesem Rahmen ausgespart werden müssen, gelang es doch, ein lebendiges Bild vom Schaffen des 1890 in Genf geborenen, 1974 in Holland gestorbenen Komponisten zu entwerfen und seinen Entwicklungsweg zu beschreiben.

Als Mitstreiter hatte Poppen den Chor des Bayerischen Rundfunks mit seinem neuen Leiter, Peter Dijkstra, aufgeboten, der die fragilen A-capella-Sätze sensibel ausformte. Angefangen bei den frühen Frauengesängen aus den Jahren 1912 bis 1944, die - zuweilen von Cello-Pizzicati "betupft" - wie impressionistisch-duftige Szenen wirken. Besonders reizend, wie Martin den Reigen der Dorfmädchen ("Chanson") durch die verschiedenen Stimmen "dreht".

Schwebend und schwerelos - ganz so wie Shakespeares Luftgeist - klangen auch die 1950 entstandenen "Five Songs of Ariel" für gemischten Chor. Dijkstra hielt die Stimmen in feiner Balance, so dass Martins kunstvolle Linienführung, das Überlappen der Klänge und das durchscheinende Gewirk dieser zarten Luftgebilde stets transparent blieb. Französische Clarté und Schwerelosigkeit wahrt Martin auch im Instrumentalen: In den aus den 50er-Jahren stammenden Etudes für Streichorchester ebenso wie im späten, wunderbaren "Polyptique" (1973) für Violine und zwei kleine Streichorchester. Dass in dieser faszinierenden, an Bach geschulten Klarheit die Kraft zu intensivem Ausdruck, zu Spannung und Farbigkeit steckt, bewiesen Poppen, das Kammerorchester und die vorzügliche Muriel Cantoreggi vor allem in den sechs abschließenden Passionsbildern. Zur Freude der Zuhörer und der eigens angereisten Witwe des Komponisten.

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