Ein Feingespinst

- Obwohl Christof Loys "Alcina" das Licht der Opernwelt in Hamburg erblickte, öffnet sich auch beim Münchner Remake jedes Mal aufs Neue der Opernhimmel. Nach langer Wartezeit erschien Händels "Alcina" nun endlich wieder im Prinzregententheater und verteidigte innerhalb des Jonas'schen Rückschau-Reigens ihren solitären Rang. Sie beschert gesanglich, musikalisch, szenisch ein solches Rundum-Glück, wie es in den vergangenen Jahren selten war - vergleichbar der von Dieter Dorn inszenierten "Così fan tutte".

Deren Mozart-Menschen antizipiert Loy quasi mit Händels barocker Zauberoper und verwebt das Geschehen zu einem psychologischen Feingespinst, das tief in die menschliche Seele blicken lässt und den Zuschauer ebenda trifft. Unordnung und frühes Leid spiegelt diese "Alcina"-Inszenierung, in der ein junges, sängerisches Premium-Team seine gesangliche Virtuosität als pures Ausdrucksmittel einsetzt und sein Innerstes offenbart. Wunderbar, mit welcher Zartheit Loy seine Protagonisten die Verwirrungen des Gefühls, ihre Verwundbarkeit preisgeben lässt, wie er sanft ihre Geschlechterrollen verwischt, ihnen den sicheren Boden entzieht.

Anja Harteros, eine königlich-schöne Erscheinung, durchlebt die Höhen und Tiefen der Alcina mit Bravour und lädt jede ihrer brillant gesungenen Arien mit einer Empfindsamkeit auf, die die Zauberin zu einer Zeitgenossin macht. Vesselina Kasarovas Ruggiero korrespondiert mit der Angebeteten in edelster Noblesse und schattiert jede Seelenschwingung im passenden Ton. Den sie natürlich auch als hinreißend lässiger GI-Rapper trifft.

Als dessen herbere Variante setzt sich Sonia Prinas Bradamante mit burschikosem Charme - in der Stimme wie im Spiel - souverän ab. Angehimmelt von der silberstimmig-zarten Gabriele Rossmanith als Morgana. John Mark Ainsley (Oronte), Christopher Pures (Melisso) und Deborah York (Oberto) komplettieren das Ensemble auf adäquatem Niveau. Und Bolton-"Nachfolger" Christopher Moulds, dem die Barock-"Band" des Staatsorchesters rasch folgte, eint pulsierende Lebendigkeit mit dem weit schwingenden Atem des Gefühls. Ein wahres Fest - zum Glück kein Endspiel (Juli 2007).

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