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Im Kreis der Auserwählten: Andrey Godik (hinten li.) Michael Schwarzfischer sowie (vorn von li.) Yushan Li, der philharmonische Mentor Guido Segers, Soohyun Ahn und Leonard Frey-Meibach.

Philharmoniker: Feinschliff und Fitness für den Ernstfall

München - Eine Glückszahl ist das, zumindest für die jungen Musiker: 13 Akademisten werden derzeit von den Münchner Philharmonikern beschäftigt – und auf den Ernstfall Karriere vorbereitet. Fünf von ihnen berichten hier über ihre Lernphase an der Isar.

„Die Erste und die Vierte von Schostakowitsch unter Gergiev – das war mein Einstand bei den Philharmonikern“, strahlt Yushan Li, seit eineinhalb Jahren Akademistin. „Gergiev ist ein großer Star und Schostakowitsch meine große Liebe“, gesteht die 24-jährige Chinesin, die in der Ukraine ihr Abitur machte und demnächst in Wien ihre Masterprüfung ablegen wird. In der Bratschen-Gruppe der Philharmoniker hat sie sich bestens eingelebt, die Kollegen unterstützen sie tatkräftig.

Die zierliche Musikerin gehört zu den 13 Akademisten, die das Glück haben, den Orchesteralltag mit Proben und Vorbereitungen und natürlich auch den Ernstfall Konzert bei den Münchner Philharmonikern zu erleben. Hier holen sie sich den Feinschliff für ihren Beruf als Orchestermusiker. Weit über hundert Bewerber stellen sich alle zwei Jahre dem Vorspiel vor der jeweiligen Instrumentengruppe, die dann entscheidet, wer in den Kreis der „Auserwählten“ aufgenommen wird.

Seit 1997 betreiben die Philharmoniker diese intensive Nachwuchspflege, die nur durch die Großzügigkeit ihrer 500 Freunde und Förderer möglich ist. „Die jungen Musiker aus aller Welt bekommen zwei Jahre lang ein monatliches Stipendium von 800 Euro“, erläutert Solo-Trompeter Guido Segers. „Bei zwei Konzert-Projekten spielen sie mit, für jeden weiteren Einsatz werden sie als Aushilfen honoriert.“ Segers ist der Mittelsmann zwischen den Akademisten und den Freunden und Förderern. Er kümmert sich um die Einbindung des Nachwuchses ins Orchester und um die Programmgestaltung der beiden Kammerkonzerte: eines für den Freundeskreis und eines im freien Verkauf.

Am 5. März ist es wieder so weit, dann stellen sich die 13 Musiker dem Publikum in der Allerheiligenhofkirche – mit einem bunten und ungewöhnlichen Programm. Der 21-jährige Leonard Frey-Maibach wird dabei mit den Damen des Philharmonischen Chors Sonett und Ode von Frank Martin aufführen. Der Cellist aus Lyon ist begeistert von den Möglichkeiten, die er als Akademist hat. „In Frankreich gibt es nichts Vergleichbares.“ Auch das ebenfalls von den Freunden und Förderern finanzierte „Fitnessprogramm“ nutzt er mit Begeisterung. „Ich habe die sogenannte Alexandertechnik schon in Paris gelernt und bin hier sofort wieder eingestiegen.“ Anke Klenk bietet für die Akademisten diese Technik an. Wer mag, kann bei ihr, die Geige spielt, lernen, wie er seinen Körper und seine Psyche aus Verspannungen und Verkrampfungen befreit. Wie er eingefahrene Fehlhaltungen, die das Gehirn schon programmiert hat und die unnötige Kraft kosten, ablegen kann. Dazu lockt Klenk, die die hundert Jahre alte Technik des australischen Schauspielers Frederick Mathias Alexander auch schon bei den BR-Stipendiaten lehrte, ihre Schüler gern – zumindest mental – in die Berge. Die „dort oben“ neu gewonnene Leichtigkeit wird im Klang hörbar, und die Musizierlust wächst.

Nicht nur ihre Antritts-Konzerte bei den Philharmonikern werden die Akademisten nie vergessen, auch manches andere Erlebnis mit großen Dirigenten und Solisten prägt diese Musiker an der Schwelle vom Studenten zum Profi. Soohyun Ahn, die 26 Jahre junge Kontrabassistin aus Südkorea, absolviert ihr zweites Jahr und schwärmt von vielen wunderbaren Konzerten. „Der Höhepunkt für mich war Strauss’ ,Heldenleben‘ unter Thielemann.“

Etwas aufgeregt war Michael Schwarzfischer schon, als er am 3. Januar 2013 erstmals mit seiner Tuba auf dem Podium im Gasteig saß und unter Lorin Maazels Leitung die Fünfte von Prokofiev spielte. „Ein unglaubliches Erlebnis“ für den 20-Jährigen aus Schongau, der sich als Bub die Tuba aussuchte „weil sie groß ist und glänzt“. Für Andrey Godik, den 23-jährigen Moskauer, erfüllt sich in München ebenfalls ein Traum: „Deutschland ist für mich als Holzbläser das beste Land für ein Studium, Frankreich hat die beste Oboen-Schule. Jetzt genieße ich beides, denn ich studiere an der Münchner Hochschule bei Francois Leleux, dem französischen Star-Oboisten.“

Als frisch gebackener Akademist trat er im „Ristorante Allegro“ auf (dem Kinderprogramm der Philharmoniker), hatte einen Riesenspaß und sogar ein Solo. Die philharmonische Solo-Oboistin Marie-Luise Modersohn hat ihn unter ihre Fittiche genommen. Die Konzerte, die Proben, der ehrenamtliche Einzelunterricht der Philharmoniker und die unzähligen Ratschläge und Tipps der Profis (auch für die anstehenden Probespiele), all das bildet eine ideale Zusatzausrüstung zum Studium.

„Die meisten unserer Akademisten haben oft schon vor Ablauf der zwei Jahre eine gute Stelle in einem Orchester bekommen“, freut sich Guido Segers. Ehemalige Akademisten musizieren mittlerweile im Concertgebouworkest Amsterdam, im Tonhalle Orchester Zürich, bei den Wiener Philharmonikern, im Gewandhausorchester Leipzig, bei den Bamberger Symphonikern, an den Staatsopern Wien und München – und natürlich auch in den Reihen der Münchner Philharmoniker.

Gabriele Luster

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