Feldforscher des Todes

- "Ich bewegte mich hinaus, nicht infolge irgendeiner Anziehung oder eines Versprechens, sondern weil die Kraft der Schöpfung mich wahrnahm. Die Ganzheit realisiert sich selbst in dir. Sie nahm mich mit. Nicht aus meinem Bewusstsein heraus, wie die Ohnmacht, sondern in mein Bewusstsein hinein." Mit der großartigen Erzählung "Der eigene Tod" legt Péter Nádas eine Seins-Analyse vor, die in die tiefsten Tiefen des Menschen vordringt. Und obwohl - oder weil - der Dichter hiermit eine ungeheure gedankliche, seelische und vor allem sprachliche Leistung vollbracht hat, kommt der Text hinreißend leicht, luzide, ja glücklich machend daher.

<P>Nádas selbst hatte einen Herzinfarkt erlitten und musste reanimiert werden. Diese Geschichte schildert er: den Schriftsteller mit den Schmerzen in der Brust, die Beklemmung in der Hitze Budapests, das Ignorieren der Alarmsignale; den Mann, der unbedingt noch Manuskriptseiten korrigieren will, der ja niemanden mit seinen Qualen belästigen möchte, der im Restaurant die Fassade des ganz normalen Gastes aufrecht erhält. Und der sich schließlich doch zum Arzt schleppt. Dann die wilde Jagd ins Krankenhaus, Einlieferung, Stabilisierung und - der Tod. Rückkehr ins Leben und Gesundung. <BR><BR>Nádas beschreibt das alles ohne Aufgeregtheit. Wie ein Feldforscher verzeichnet er nüchtern - allerdings in unglaublich schönen, klaren, herrlich gemeißelten Sätzen -, was passiert. Es gibt keine Panik. Angst vor dem Leben und dem Sterben kommt nicht vor. Jegliche Art von Horror, aber auch von weihevoller Transzendenz vermeidet der Autor. Spirituellen Schwulst lässt Nádas` höchste Kunst der Schlichtheit nicht zu. Und diese ist es auch, die dem Tod den Stachel nimmt. <BR><BR>Konstatiert wird ein Prozess, der im Körper abläuft, das schrecklich Schmerzliche und das wundervoll Erlösende, aber auch die Umwelt in ihrer Gleichgültigkeit oder Komik. Der Sterbende bekommt durchaus mit, dass die Krankenschwester keinen Kleiderbügel findet, um sein Sakko aufzuhängen. Was in dieser Todes-Situation völlig irrwitzig wirkt, nimmt Nádas als fröhliches Lebens-Chaos hin. Und schenkt - wieder genesen - dem Krankenhaus die teuersten Bügel. Mit der gleichen Feinheit, mit der er diese Grotesken zeichnet, erzählt er vom Sterben. Es mag seltsam anmuten, wenn man sich für ein Buch begeistert, das vom Tod redet, aber es spricht genauso intensiv vom Leben und der Schöpfung: "Meine Mutter hat meinen Leib geboren, ich gebäre seinen Tod." <BR><BR>Péter Nádas` Werk spendet Trost, weil es ganz wahrhaftig ist. Humanität, Klugheit und ästhetisches Wollen verschmelzen zur Weisheit der Kunst: "Kein Gegenstand des Diesseits, . . . , hätte diese unendliche Verzückung vermitteln können, nach der ich mich in meinem mit den anderen geteilten körperlichen Dasein immer unendlich gesehnt habe." Ein weiterer Trost mag in der Ausstattung des Buches zu finden sein. Er liegt zwar nicht in der großzügigen Platzierung der Schriftblöcke oder einzelner Sätze, aber in den Fotografien, die den Text durchweben. Nádas selbst hatte einen mächtigen Wildbirnbaum zu allen Tages- und Jahreszeiten aufgenommen. Dieser Zyklus von Werden und Vergehen begleitet als Schutzgeist die menschliche Vergänglichkeit, begleitet den "Eigenen Tod". <BR><BR>Péter Nádas: "Der eigene Tod". <BR>Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer. <BR>Steidl Verlag, Göttingen. <BR>287 Seiten, <BR>39 Euro. <BR></P>

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