Das Fell des Bildes

- Sie nehmen den Blick gefangen, die bizarren Gesichter und Gestalten, etwa "Das Tier der Anfechtung", das aus Frau und Mann besteht, wobei Sex zu einem Stich ins Auge wird. Wie mit Stacheldraht gezeichnet sind diese Blätter aus den 40er-Jahren, der Frühzeit des Künstlers Gerhard Ströch. Und gegenüber im Vitrinen-Flur der Graphischen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne, hängen da die Arbeiten eines anderen? Hauchfeinster Strich _ trotz des Widerstands, den die Hand bei der Kaltnadelradierung überwinden muss. Eine frohgemute, beschwingte Sinnlichkeit lächelt aus diesen Bildern der späten 80er, eine unendliche Seelenfreiheit und Herzenslust. Sie lassen dem Papier Luft, müssen es nicht besetzen, besitzen, ja quälen. Linie und Fläche längst kein "Tier der Anfechtung" mehr. Im Herbst 1989 kam die "Schnepfenthaler Suite" von Gerhard Altenbourg heraus.

<P>Wer weiß, dass Künstler Ströch 1926 in Rödichen-Schnepfenthal (bei Friedrichroda) geboren ist, ahnt: Ströch ist kein anderer als Altenbourg. 1929 zog die Familie des freikirchlichen Predigers Ströch nach Altenburg in Thüringen. Leicht französisiert wurde die Stadt Namensgeber für einen jungen Zeichner, der schon ein paar Pseudonyme ausprobiert hatte. Sie erinnerten an Leid und Krieg. Noch 1944 musste der Bursche ins Feld, wurde im Lysa-Gora-Gebirge in Polen verwundet. Die Erfahrung prägte. Und viele Kunstfreunde kennen vor allem diesen düsteren, bisweilen beängstigenden Gerhard Altenbourg. Aber auch der andere, der heitere war stets gegenwärtig. Das zeigt die Retrospektive "Im Fluss der Zeit" in der PDM jetzt auf wunderbar üppige Weise. Da ist Altenbourg der Träumer, der Mahner, da ist Altenbourg der freche Erotiker, der kluge Landschafter, der Märchenrätsel-Erzähler, der hellsichtige Spintisierer.</P><P>Farblicht wie in freier Natur</P><P>Altenbourg, der bis auf seine Weimarer Studienjahre immer in Altenburg blieb, immer von seiner Schwester umsorgt wurde, starb kurz nach der Wende im Dezember 1989 bei einem Autounfall. Er hinterließ ein einzigartiges uvre, das ihn zu "einer herausragenden Person der Kunstgeschichte macht", betont Andreas Strobl von der Graphischen Sammlung. Erst jetzt, nach 18 Jahren, kam wieder eine umfassende Werkschau  zustande,  ein Großunternehmen, das die Staatliche Graphische Sammlung nur mit dem Dresdner Albertinum und der Düsseldorfer Kunstsammlung K20 realisieren konnte. Rund 120 Zeichnungen, Drucke, Mischtechnik-Arbeiten sowie Künstlerbücher mit den sehr anspruchsvollen Texten des Künstlers sind zusammengekommen. Aus konservatorischen Gründen kann nicht alles auf jeder Station gezeigt werden. In München wurde das Konvolut um die anfangs erwähnten Grafiken aus der Früh- und Spätphase erweitert.</P><P>Gerhard Altenbourgs Sonderstellung, die wie sein Humor, das bisweilen Brutal-Karikaturhafte und die frappante Farbsensibilität sehr an Klee erinnert, wurde von der Fachwelt schnell akzeptiert. 1959 war er auf der documenta 2 vertreten. Die offizielle DDR allerdings versuchte, den Künstler einzuschüchtern. Das "probate" Mittel "Devisenvergehen" wurde eingesetzt, um den Künstler zu verurteilen. Was der Westen bei Altenbourg als "gegenständlich" und "erzählerisch" wahrnahm, sah man in der DDR als "abstrakt" und wohl hemmungslos individualistisch an, berichtet Strobl. Später verdiente der SED-Staat wacker an Altenbourgs Verkäufen mit und duldete demonstrativ großzügig den Unangepassten. </P><P>Die eindrucksvolle Ausstellung, die über die angestammten PDM-Räume der Graphischen Sammlung hinausgeht, ist chronologisch gehängt. So machen denn auch die riesigen, erschütternden "Ecce homo"-Bilder den Anfang (1949), aber auch die bunten "Jahrmarkt"-Blätter, die an Wimmelbilder erinnern. Altenbourg forscht visuell stets mehrgleisig: Das verdeutlicht diese Präsentation dankenswerterweise von Beginn an. Die Klischees vom spinnösen Sonderling oder armen Schmerzensmann werden getilgt. Auch weil der Betrachter nachvollziehen kann, wie intelligent Altenbourg das kunsthistorische Repertoire abgetastet hat nach für ihn Tauglichem. So überziehen einige der frühen Farb-"Gemälde" - er bezeichnete sich immer als Maler - splittrige Prismengitter, ein Nachhall des Konstruktivismus, Kubismus, vielleicht von Feiningers Thüringen-Ansichten.</P><P>Auch ein anderes typisches Merkmal von Altenbourg wird relativiert: die Kleinteiligkeit, das Miniaturhafte. Nicht nur weil die Blätter normales bis monumentales Format haben. Die Strichelchen, mit unendlicher Geduld und Akribie über die Fläche hingezogen, verwandeln diese in einen Rasen, in einen Pelz. Die Fläche wird zu Organischem. Da ist etwas gewachsen, nicht mehr plan und kahl, sondern hat Volumen, wird quasi ertastbar. Der Bild-"Körper" scheint sich zu bewegen, denn das "Fell" gibt das Spiel der "Muskeln" wieder. Raumtiefe öffnet sich, Farblicht flirrt wie in freier Natur, Figuren stehen vor dem Hintergrund oder werden von ihm fast geschluckt, nivelliert. </P><P>Ob bunt, ob grau, Gerhard Altenbourg zerfaserte, um zusammenzufügen. Die Zelle ist das Leben - auch eines Bildes. Erst im Spätwerk darf sich auch die Leere entfalten, kann ein Antlitz ganz schlicht gezeichnet werden - ohne Stacheldraht: "Sprich im Schweigen - sprich".</P>Bis 5. September; Katalog, Prestel Verlag: 28 Euro; Tel. 089/ 23 80 53 60.

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