Fenster zum Einst

- "Das Auge und der Apparat" aus der Albertina. Dieses Wiener Kunst-Institut hat als Grafiksammlung einen Ruf wie Donnerhall. Albertina und Fotografie - das ist eine ungewohnte Kombination. Dennoch besitzt das Haus eine der bedeutendsten Foto-Konvolute im deutschsprachigen Raum, seit es - also ab 1999 - den Bestand der 1888 gegründeten Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt (Fotografen-Ausbildung) als Dauerleihgabe verwaltet. 60 000 Aufnahmen, darunter einmalige Stücke der Fotografie-Entwicklung, und 21 000 Apparate stammen da her.

<P>In der Albertina selbst fanden sich 4500 (schon vergessene) Arbeiten; und aus dem Archiv des Langewiesche Verlags (1904-'60), der auf Fotobücher spezialisiert war, kamen noch einmal 12 000 Werke dazu. Zur diesjährigen Wiedereröffnung der Albertina nach langer Renovierung wurden die Lichtbild-Schätze gehoben. <BR><BR>Kuratorin Monika Faber stellte eine Überblicksschau zusammen, die jetzt im hoch angesehenen Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum gastiert. Sowohl Faber als auch der hiesige Museumschef Ulrich Pohlmann betonen, dass es nicht um Fotografie als Kunst gehe, wie heute in Museen und Galerien en vogue, sondern um alle Facetten dieses Mediums. Porträtaufnahmen vom Nachwuchs, Rollenbilder von Schauspielern, Proben, um verschiedene Objektive zu testen, die erste Aufnahme von der Erdkrümmung, Dokumentation der Stadtveränderung, Erinnerungsfotos, Aktaufnahmen für den gehobenen Voyeur und Exotisches finden sich da - und natürlich auch künstlerisch ambitionierte Fotos, die sich zunächst an der Malerei orientierten und später davon emanzipierten. Kühne Neuerer wie etwa die Bauhaus-Fotografen waren die Wiener jedoch nie.<BR><BR>Das Flüchtige fassen<BR><BR>Um die verschiedenen Möglichkeiten nicht nur brav abhaken zu müssen, beginnt Monika Faber griffig mit der "Tradition der Inszenierung 1840-1970". Ob Antlitz oder Körper, ob Straßenzug, Landschaft oder Eisenbahnbrücke, alles wird sorgfältig in Szene gesetzt, eine Strategie, die bis heute verfolgt wird. Kontrast dazu: Den Abschluss machen Momentaufnahmen mit Größen wie Walker Evans oder Cartier-Bresson, aber auch mit raffinierten Blicken. </P><P>Etwa wenn Lisette Model Lotte Lenya auf dem Bildschirm einfängt: ein weißer Schatten neben einem anonymen schwarzen - ein Lichtbild über Lichtbilder, Bannen des Flüchtigen. Im Grunde wird hier der Moment zur Inszenierung. Ein weiterer besonderer Akzent der Schau: Man hat versucht, die erste Fotoausstellung (1864) nachzuempfinden. Aufnahmen, alt gerahmt, auf rotem Grund dicht an dicht gehängt: neben dem echt durchsichtigen Geist ein edles Blumenstillleben oder eine ordenbewehrte Stütze der Gesellschaft. <BR><BR>Die alten Aufnahmen faszinieren. Nicht weil sie "gut" sind, sondern weil sie dem Betrachter ein Fenster in die Vergangenheit öffnen und vor allem weil sie die seltsame Ambivalenz des 19. Jahrhunderts verkörpern: technisch top, gesellschaftlich reaktionär. Hier blanke Armut und züchtige Damen im Rüschen-Reifrock, dort wohlsituierte, legere Herren voll von Experimentier- und Entdeckerlust. </P><P>Bis 31. August, Telefon 089/ 233 22 370<BR>@ www.stadtmuseum-online.de   <BR>Katalog, Edition du Seuil: 26 Euro.</P>

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