1. Startseite
  2. Kultur

Ferdinand von Schirach liest in München aus seinem neuen Buch „Nachmittage“

Erstellt:

Von: Katja Kraft

Kommentare

Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach.jpg © Jörg Carstensen

Der Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach hat den Erzählband „Nachmittage“ veröffentlicht. Nun stellt er ihn in München vor.

Der gefeierte Schriftsteller Ferdinand von Schirach kommt nach München. Am Mittwoch, 19. Oktober 2022, stellt er im Münchner Residenztheater ab 20 Uhr seinen neuen Erzählband „Nachmittage“ vor; es gibt für die Veranstaltung noch ein paar Restkarten. Unsere Buchkritik lesen Sie hier:

Schon wieder ein Buch von Ferdinand von Schirach. Wer die Gedankenspiele des Juristen und Schriftstellers mag, greift begeistert zu. Und bekommt von ihm Gewohntes: eine Sammlung autobiografischer Schnipsel, Beobachtungen, Absurditäten, die ihm beruflich und privat begegnen. Das liest sich locker weg, bringt einen zum Schmunzeln. Denn immer enden Schirachs Anekdoten anders als erwartet. Es gefällt ihm, mit unseren Erwartungen zu spielen. Unsere Menschenkenntnis herauszufordern, die uns häufig in die Irre führt. Vieles ist anders, als es scheint.

Er selbst bleibt der eitle Erzähler, der gern sein breites Wissen und seine gute Erziehung durchscheinen lässt. Das geht in Ordnung. Auch die Melancholie, die seine Erinnerungen durchzieht. Einmal schreibt er über Sofia Coppolas „Lost in Translation“. Wie Bill Murray im Film wirkt er selbst. Müde, ausgelaugt. Vielleicht sollte er sich eine Pause gönnen. Dann wird das nächste Buch gehaltvoller. So wie sein vorheriger Erzählband „Kaffee und Zigaretten“.

An den Vorgänger „Kaffee und Zigaretten“ kommt „Nachmittage nicht heran“

Schon der Beginn: Am nächsten Morgen finden sie ihn in seinem Erbrochenen. Die Schrotflinte im Arm. Ferdinand von Schirach, 15 Jahre alt, hatte sich in der Nacht den Lauf des Gewehrs in den Hals geschoben. Und abgedrückt. Zu betrunken, um zu merken, dass die Patrone fehlte, fiel er in einen Schlaf, der endlich war. Dass ein ewiger Schlaf auf uns alle wartet, auch davon erzählte der gefeierte Schriftsteller in „Kaffee und Zigaretten“ (Luchterhand München, 191 Seiten; 20 Euro). Anspielung auf Jim Jarmuschs gleichnamigen Episodenfilm. Der ist in Schwarz-Weiß gedreht. Moll auch der Grundton dieses Büchleins. Es ist die Tonlage von Schirachs Leben. Der 55-Jährige erzählt in Interviews offen über die Depressionen, die sein Gemüt seit seiner Jugend verschatten. Vielleicht ist er gerade deshalb zu einem solch genauen Beobachter geworden. Es scheint, als wolle er das Schöne auf dem Papier einfangen, damit es nicht so schnell vergeht. Und lästert er in manchen der 48 Kapitel auch über die Eitelkeiten, deckt er auch die Unbeholfenheit der Menschen auf, erkennt man wie in seinen anderen Werken stets eine Wärme, mit der er auf alles blickt. Er wahrt, wofür er zwischen und in den Zeilen plädiert „die Achtung von unserem Nebenmenschen“.

Die dunkle Vergangenheit der von Schirachs im „Dritten Reich“

Es ist Ferdinand von Schirachs persönlichstes Buch. Wieder kein zusammenhängender Roman, sondern eine Sammlung von autobiografischen Schnipseln, Beobachtungen, Absurditäten, die ihm im beruflichen und privaten Alltag begegnen. Überhaupt Begegnungen. Rührende wie die mit dem einstigen Kommilitonen, dessen Karriere so hoffnungsvoll begann und der heute allein in einer kahlen Wohnung lebt. Oder lustige wie die mit der Opernsängerin, deren Vater, als sie ihn zu ihrem ersten Auftritt (an einem Freitag) in der altehrwürdigen Royal Opera in London einlud, fragte, ob es nicht auch am Samstag ginge – da sei es einfacher mit den Parkplätzen. Bemerkenswert ist die Gedanken-Sammlung dieses Suchenden, weil er erstmals über ein dunkles Kapitels einer Familiengeschichte schreibt. Vor Kurzem beauftragte er das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste damit, herauszufinden, in welchem Umfang die von Schirachs im „Dritten Reich“ am Raub von Bildern aus jüdischem Besitz beteiligt waren. „Nach vielen Strafverfahren, in denen ich verteidigt habe, habe ich verstanden, dass Aufklärung den Opfern manchmal hilft. Nur wenn wir das Böse kennen, können wir damit weiterleben“, schreibt er, nicht mehr nur als Autor, sondern als Enkel des einstigen Gauleiters Baldur von Schirach, als politischer Mensch, der sich der Verantwortung, die im Tragen dieses Namens liegt, bewusst ist.

„Kaffee und Zigaretten“ ist Ferdinand von Schirachs bestes Buch

Schirach erzählt viele der autobiografischen Geschichten in der dritten Person. Auch die seines Suizidversuchs. Er offenbart und distanziert sich zugleich. Bei seinem Großvater aber wechselt er in die erbarmungslose Ich-Perspektive. Ein Satz wie ein Bekenntnis: „Mein Großvater Baldur von Schirach war damals Reichsgauleiterin Wien. (...) Er war für die Deportation der Juden aus Wien verantwortlich (....) Das sei, ein aktiver Beitrag zur europäischen Kultur‘ gewesen, sagte er.“ „Vielleicht“, fügt der Enkel nachdenklich hinzu, „bin auch ich aus Wut und Scham über seine Sätze und seine Taten der geworden, der ich bin.“ Der Vorfahr einer, der Menschenrechte mit Stahlkappenstiefeln trat, der Enkel ein leidenschaftlicher Kämpfer für unser Rechtssystem. Ferdinand von Schirach spielt auch auf gesellschaftlich umstrittene Rechtsfragen wie die um die Abschiebung des „Gefährders“ Sami A. an. Nüchtern zitierter die hasserfüllten Internetkommentare gegen Urteile, die „nicht dem deutschen Volk“ helfen. Absatz. Es folgt ein Zitat des sogenannten „Judenschlächters von Krakau“, der auf dem Deutschen Juristentag 1933 etwas ganz Ähnliches brüllte: „Alles, was dem Volke nützt, ist Recht, alles, was ihm schadet, ist Unrecht.“ Es sind bedrückende Stellen wie diese, die vor Augen führen, wie wichtig das Hochhalten klar geregelter, mit Ratio niedergeschriebener Gesetze in diesen aufgeregten Zeiten ist. Und wie wichtig der Blick in die Vergangenheit. So schmerzhafter auch sein mag. „Wir müssen verstehen, wie wir wurden, wer wir sind. Und was wir wieder verlieren können.“ Es ist sein bestes und womöglich sein wichtigstes Buch.

Auch interessant

Kommentare