Es liegt in unserer Hand, dass die Welt durch zunehmende Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen nicht weiter bröckelt.
+
Es liegt in unserer Hand, dass die Welt durch zunehmende Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen nicht weiter bröckelt.

Ferdinand von Schirachs Buch „Jeder Mensch“ fordert neue Grundrechte

Ferdinand von Schirachs Plan für eine bessere Welt: Wir haben es in der Hand

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
    schließen

In einer modernen Welt braucht es moderne Grundrechte, findet Bestsellerautor Ferdinand von Schirach. Er hat sechs formuliert, die für jeden Menschen gelten sollten. Ein Überblick.

  • Ferdinand von Schirachs Ururururgroßvater war einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten
  • Wie sein Ahne möchte Ferdinand von Schirach für die Freiheit jedes Menschen kämpfen
  • Sein Buch „Jeder Mensch“ soll zu einer politischen Bewegung werden

Er hat es wieder geschafft. Ferdinand von Schirach bringt einen Gedanken in die Welt – und noch ehe sein dazugehöriges Büchlein überhaupt erschienen ist, wallt die Diskussion darum heftig auf. So wünscht sich das der Autor und Jurist. Denn er findet: Wir alle sind jetzt gefordert. Es geht um nicht weniger als die Rettung der Welt. Nun ist „Jeder Mensch“ in gedruckter Form auf den Markt gekommen. Schirach sieht sich in der Tradition seines Ururururgroßvaters John Middleton – der war einer der 56 Gründerväter der Vereinigten Staaten, die 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterschrieben. Schirach möchte explizit nicht in einer Linie stehen mit seinem Großvater, Baldur von Schirach, einem der Hauptkriegsverbrecher der Nationalsozialisten. „Er verriet alles, wofür seine Vorfahren gekämpft hatten“, urteilt der Enkel. Und nimmt den einstigen Kampf um die Grundrechte jedes Einzelnen mit seinem neuen Werk wieder auf.

Ferdinand von Schirach.

Besser: mit seiner neuen Aktion, die zu einer Bewegung werden soll. Auf wenigen Seiten skizziert der 56-Jährige, wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte einst entstanden sind – und macht klar, dass da wahre Utopisten am Werke waren. George Washington, der 1787 die Beratung der amerikanischen Verfassung leitete, trug eine Zahnprothese aus Zähnen, die seinen Sklaven gezogen worden waren. Und dieser Mann setzte sich für einen Text ein, in dem es heißt: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Eine „selbstverständliche Wahrheit“ war das damals ganz und gar nicht – sondern eine Zukunftsvision, die die Gesellschaft nicht beschrieb, wie sie war, sondern wie sie sein sollte.

Ferdinand von Schirach sieht sich in der Tradition von Thomas Jefferson (1743-1826), dem Hauptverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Zweieinhalb Jahrhunderte später sieht Schirach die Zeit reif für eine Erweiterung. „Die Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Erklärung der Menschenrechte, die Mütter und Väter der alten Verfassungen in Europa kannten das Internet und die sogenannten Sozialen Medien nicht“, bemerkt der Autor. „Sie wussten nichts von der Globalisierung, der Macht von Algorithmen, der künstlichen Intelligenz und dem Klimawandel. Die Gefahren, denen wir heute ausgesetzt sind, waren damals noch nicht einmal zu erahnen.“ Es bedarf, so seine Conclusio, einer Ergänzung für die moderne Welt.

Sechs neue Grundrechte für eine moderne Welt

Sechs neue Grundrechte formuliert Schirach. Und ruft alle Bürgerinnen und Bürger der EU dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass diese Grundrechte als selbstverständlich gelten. Konkret geht es um Umwelt, digitale Selbstbestimmung, künstliche Intelligenz, Wahrheit („Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“), Globalisierung sowie das Recht, bei systematischen Verletzungen dieser neuen Charta vor Gericht Klage zu erheben.

Das sind alles hehre Ziele – wer würde sich gegen den Einsatz für eine „gesunde und geschützte Umwelt“ oder das Recht darauf, dass alle Waren unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt werden, wehren? Mehr als 70 000 Menschen haben bis gestern bereits im Internet für die Einführung dieser neuen Grundrechte unterzeichnet.

Andere üben Kritik. Mark Siemons von der „FAZ“ etwa weist auf die „systematische Überdehnung des Grundrechtsprinzips“ hin. Grundrechte, so betonen er und andere Kritiker, seien eine „vorpolitische Zone, die der liberale Staat zum Schutz der Freiheit der Einzelnen eingerichtet hat“. Sie dürften nicht zum „Instrument des politischen Aktivismus werden“.

Die Diskussion hat gerade erst begonnen

Die Frage lautet also: Auf wie vielen Grundrechten können wir stehen – ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren? Oder ist das wieder viel zu klein gedacht? Fehlt uns der utopische Blick für eine bessere Gesellschaft, wie sie einmal sein könnte? Der Hinweis der Skeptiker, dass eine Klagewelle drohte, würde etwa ein Grundrecht auf eine saubere Umwelt durchgesetzt, spricht Bände. Aus Angst vor der Anklage eines Missstands wird dieser erst gar nicht zu einem Missstand deklariert? Die Diskussion hat gerade erst begonnen.

Ferdinand von Schirach: „Jeder Mensch“. Luchterhand, München, 32 Seiten; 5 Euro. Beim lokalen Händler um die Ecke gibt es das Büchlein hier zu kaufen. Die Abstimmung für die neuen Grundrechte ist im Internet ist hier möglich.

Auch interessant

Kommentare