Wird’s was mit uns? Jochen Noch und Kristof van Boven (li.) als Liebespaar Curd und Flavio im Hotel. Foto: Winfried Rabanus

Feridun Zaimoglus „Alpsegen“: Premierenkritik

München - Sebastian Nübling inszenierte an den Kammerspielen die Uraufführung von Feridun Zaimoglus „Alpsegen“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Genre-Freunde wissen sofort, was läuft: Zombies gleich arbeiten sich die Figuren in Sebastian Nüblings Uraufführungs-Inszenierung von „Alpsegen“ durch das Zwielicht der Bühne. Abgehackt sind ihre Bewegungen, bizarr und unaufhaltsam - selbst die Rampe ist kein Hindernis. Die Gestalten fallen einfach in den Zuschauerraum, robben zur Seite weg und kehren aus der Tiefe der Bühne zurück. Es ist die „Night of the Living Dead“ wie in George A. Romeros Horrorfilm-Klassiker aus dem Jahr 1968. Und da diese Nacht der lebenden Toten in München spielt, sind es die Geister des alten Volks-(Aber-)glaubens, die der Föhn in die Stadt geweht hat: die Mondhelle, die Weiz, die grauen Hirten, die Wäscherin an der Furt und wie sie alle heißen.

Die Handlung

In seinem Prosatext „Alpsegen“ erzählt Feridun Zaimoglu in neun Kapiteln, was geschieht, wenn der Föhn die Seelen und Geister des Volks-(Aber-)glaubens vom Berg nach München weht: Die Mondhelle, die feurigen Männer, die Wäscherin an der Furt, die Weiz oder die lange Agnes bringen das Leben der Städter durcheinander, verbreiten den drückenden Alb. Da flieht etwa der brave Familienvater Curd mit einem schwulen Italiener in ein Hotel, während seine Frau den Sohn losschickt, um den Abtrünnigen nach Hause zu holen.

Wie bereits in seinem Roman „Hinterland“ (2009) hat sich der türkischstämmige Autor Feridun Zaimoglu, der von 1974 an einige Jahre in Moosach lebte, für dieses Auftragswerk der Münchner Kammerspiele von der Welt der Mythen verführen lassen. „Alpsegen“ ist ein dichter Prosatext, geschrieben mit gar fiebriger Fabulierlust. Zaimoglu und sein Co-Autor Günter Senkel haben darin einen engen Sagen-Teppich gewoben, sprachverliebt und reich an Assoziationen. „Alpsegen“ ist eine Art literarische Séance, die offenbart, was unter dem bayerisch-münchnerischen Postkarten-Idyll drängt, dampft, brodelt - und wovon Föhn-Kopfschmerzen manchmal künden. Es ist ein Text, der Schwindel verursacht und der seinen Titel einem alten Sennengebet verdankt, das bis heute jeden Abend in den katholischen Alpengebieten erklingt und mit dem um den Schutz aller Lebewesen auf der Alp vor den Gefahren der Nacht gebeten wird.

Sebastian Nüblings etwas mehr als zwei Stunden lange Inszenierung findet vor allem im ersten Teil Zugang zu diesem manchmal rätselhaften Text-Berg: In ein bierselig dampfendes Wirtshaus fallen die Volksgeister ein (oder hat die Wirtin diese gerufen?), um fortan das Leben der Städter auf den Kopf zu stellen.

Es ist ein herrlich anzuschauender Bilderreigen, den der Regisseur und sein lustvoll aufspielendes Ensemble da entfalten: Wir erleben, wie der eigentlich brave Familienvater Curd mit einem italienischen Eisverkäufer in ein Hotel in der Stadt flieht - und dann doch vor seinem Coming-Out zurückschreckt. Seine Frau schickt ihm Sohn Max nach, doch der trifft Cecilia, eine tote Seele, der er am Ende ins Schattenreich folgen wird. Es macht Spaß, Wiebke Puls, Benny Claessens, Jochen Noch und Kristof van Boven zuzuschauen, wie sie zwischen Charme und Schmarrn, zwischen Tragik und Komik ihre Figuren pendeln lassen.

Doch dann verliert die Inszenierung - leider - ihre Konzentration. Fast wirkt es, als habe Regisseur Nübling gefürchtet, in der übersatten Vorlage unterzugehen: Er überdreht manches, überzeichnet, wo Innehalten gefordert wäre, und müht sich, den Text zu bezwingen, in dem er die bilderreiche Prosa auf der Bühne in überdeutliche Bilder übersetzt. Das jedoch hebt sich dann meist gegenseitig auf, und so läuft manche Szene ins Leere - wie jene, in der sich Max und Cecilia näherkommen. Dabei funktionieren starke Sätze auch ohne großes Regie-Bohei. Das zeigt sich, als Michael Tregor in der Rolle von Cecilias Vater den Einbruch des Mystischen ins rationale München mit dem Satz „Das Dorf ist in die Stadt gekommen“ beschreibt - und dabei frische Milch aus einem Krug in einen Tetra-Pack umfüllt.

Die Besetzung

Regie: Sebastian Nübling.

Bühne: Muriel Gerstner.

Kostüme: Eva-Maria Bauer.

Darsteller: Gundi Ellert (Die Frau Wirtin), Jochen Noch (Curd), Kristof van Boven (Flavio/ Der fahle Gimpel), Benny Claessens (Max), Wiebke Puls (Cecilia), Michael Tregor (Der Herr Vater).

Solche Augenblicke geben der gefährlich schlingernden Inszenierung Halt. Und bevor der Abend in den planlosen Irrsinn trudelt, findet auch Nübling wieder zur starken Konzentration des Beginns zurück: Im Gasthaus hat die Wirtin für ihre verstorbenen Lieben den Tisch gedeckt - die Geister haben hier nichts mehr zu suchen, sie drücken „ihre Gesichter von draußen gegen die Fensterscheiben“. Und als sie merken, dass an diesem Ort nichts zu holen ist, wenden sie sich irgendwann ab. Der Spuk ist vorbei. Großer Jubel.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 19., 21. April und 3. Mai; Telefon 089/ 233 966 00.

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