Ein Fest der Artisten

- Zirkus als rein virtuose Hochleistungsschau, damit gab sich eine aufbruchsbereite Artistengeneration schon in den 80er-Jahren nicht mehr zufrieden.

Die Franzosen nannten ihre neue Sicht zirzensischer Performance im Grenzbereich von Theater und Tanz schlicht "Cirque Nouveau", den wir bei Münchens Tollwood-Festival bereits lustvoll ausgiebig bewundern konnten. Und "Cirque Nouveau" ist auch das, was der Cirque Éloize aus dem kanadischen Montreal jetzt hier im Deutschen Theater vorstellt (bis 17. 7.): die schier grenzenlos scheinende, schwindelfreie Kunst der Körperbeherrschung, hingeweht, hingeschwebt, als ob alles gar nicht fürs Publikum gemünzt sei, sondern nur ein privates Spiel, ein Fest der Artisten unter sich.

Dass hier eine Lovestory erzählt würde - die Nacht vor der Hochzeit von Sofia und ihrem Liebsten -, darf man nicht so wörtlich nehmen. Regisseur Daniele Finzi Pasca lässt seine blutjungen Damen abwechselnd im wallenden Brautkleid auftreten. Und unter einem riesigen Märchen-Vollmond wird hier durchgehend geflirtet, untereinander und mit dem Publikum. "Versteht ihr mein Deutsch", schäkert die auf ihrer Trapezschaukel so elegant tänzerische Luftnymphe hinunter ins Parkett und lässt den heranschwirrenden goldflügeligen Schmetterlingsgatten hilflos (an seinem Gurt) zappeln. Die Hand-auf-Hand-Nummern mutieren unversehens zu zärtlichen Pas-de-deux. Und immer wieder mal - zwischen Einrad-Pirouetten, Menschen-Türmen, Salti von und zurück auf federnde Stangen, per Wippschaukel in die Luft katapultierten Ikarussen und Gruppen-Keulenjonglagen bis zur finalen Hochzeits-Fê^te - wird eng umschlungen getanzt und gebusselt.

Außer den Tier-Dressuren fehlt hier nichts, was man gewöhnlich unter Zirkus versteht. Auch auf die Clowns wurde nicht verzichtet. Der hektische Grimassenhumor von "Pablo" ist allerdings nicht jedermanns Geschmack. Was er und Spaßmacher-Partner brabbelten, war überdies kaum zu verstehen (die leidige Tontechnik?). Und im multinationalen Musikmix (Lucie Cauchon/ Maria Bonzanigo) ging uns auch die italienische gesungene Folklore etwas unschön ins Ohr. Besser im Klang Musette und Klezmer. Insgesamt unterstützt die Fünf-Mann-Band die vom Regisseur angestrebte Fiesta-Atmosphäre des Abends, den er treffend "Nomade" überschreibt.

Fahrendes Volk sind ja auch diese jungen Leute, die mit dem Zirkusleben ihren Lebenstraum verwirklichen. Und ihre unbeschwerte Lust an der Arbeit, an einer vollendeten, aber immer menschlich bleibenden Ästhetik teilt sich unmittelbar mit, steckt an - ist erlebenswert.

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