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Wie einem Animationsfilm entsprungen: Der Japaner Hiroaki Umeda hat eine ganz neue Kunstform geschaffen.

Münchner Festival: Ab ins All

München - Geschafft, die 21. Runde (!) der Tanzwerkstatt Europa (TWE). Zwischen Wortflut, Proseminar und Fantasiewelten: Eine Bilanz.

Seit 1991 hat Veranstalter Walter Heun – bewundernswert, weil mit bescheidenem Budget – alle neueren Strömungen nach München geholt, vom bewegungsarmen Tanztheater bis zum extrem physischen New Dance, von den Grenzgängen zur bildenden Kunst bis zum intellektuell orientierten Konzept-Tanz.

Dass der diesjährige Schwerpunkt auf dem aktuellen Trend „historische Spurensuche“ lag, die sich vorwiegend als verbale Information präsentiert, gehört wohl zur Vollständigkeit einer mit parallel laufenden Stil- und Technik-Workshops auch pädagogisch ausgerichteten TWE. Neben dem Symposium „Geschichte und Geschichten im Tanz“ gab es dreimal diese (noch) modische Sekundär-Tanzsparte „Re-enactment“, übersetzt: ein persönliches, also zwangsläufig verändertes Wiederinszenieren eines fremden älteren Werks.

Wikipedia-Kunst vom Laptop

Vorgewarnt von schon zu früherer Gelegenheit durchlittenen historischen Wachrufungen, schritt man gewappnet erwartungslos zu „Urheben – Aufheben“, Martin Nachbars Annäherung an die legendäre Ausdruckstänzerin Dore Hoyer (1911-67) und ihr „Affectos Humanos“ von 1962, einen Tanzzyklus über menschliche Gefühlsbereiche wie Angst, Begierde, Eitelkeit, Hass, Liebe. Zwischen Proseminar-Vortrag und bewusst ungelenken „Affectos“-Tanzbeispielen, kommt der T-Shirt-Dozent dann zu der Erkenntnis, dass für ihn eine Rekonstruktion dieses Werks gar nicht möglich ist: Zeit, Geschlecht, Kostüm, Körper, Tanztechnik, heute alles anders. Darauf wäre der doofe Zuschauer ja nie gekommen!

Reine Scharlatanerie dann, was der Franzose Xavier LeRoy in schlechtem Englisch zwei Stunden lang abließ über sein Schnell-Studium des japanischen Butoh, dieses als Reaktion auf Hiroshima und westliche Überfremdung entstandenen „Tanzes der Finsternis“. LeRoy, von Haus aus Molekularbiologe, der als hochgehandelter Konzept-Choreograph seit zwei Jahrzehnten von Festival zu Festival gereicht wird, klappt tatsächlich seinen Laptop auf und lässt uns die auf die Rückwand projizierten Wikipedia-Einträge zum Butoh mitlesen. Dazwischen groteske Butoh-Oberflächenimitate – die diesen höchste geist-körperliche Konzentration fordernden Tanz unfreiwillig ins Lächerliche ziehen.

Ein hyperpenetrantes Interpretations-Seminar lieferte die Spanierin Olga de Soto mit ihren Reflexionen zu Kurt Jooss’ preisgekröntem Antikriegsballett „Der Grüne Tisch“ von 1932. Von der Bundeskulturstiftung/ „Tanzfonds Erbe“ mit 88 000 (!) Euro gefördert für ihre Vergangenheits-Forschung, hat sie Ex-Jooss-Tänzer und ältere Zuschauer in aller Welt nach deren Erinnerungen zum „Grünen Tisch“ befragt. Und stopft eineinhalb Stunden voll mit immer wieder dasselbe besagenden Video-Interviews auf verteilten Bildschirmen, die von sechs Tänzern (!) im Raum bewegt und gehalten werden. Weder Live-Tanzschritt noch Fotos noch Filmbeispiele werden gezeigt. Wer das Jooss-Werk nicht kennt, säuft in diesen oft auch sentimentalen Wortergüssen, überwiegend in Englisch, Französisch und Spanisch (mit deutscher Leuchtschrift-Übersetzung) älterer Herrschaften hilflos ab. Wer von solchen Ausgrabungen profitiert, ist allein der Spurensucher: entweder, weil er mit solcher Geschichtsbearbeitung an Subventionen kommt. Oder, was zu hoffen wäre, weil es ihn in seiner eigenen Entwicklung weiterbringt.

Für den „normalen“ Zuschauer waren diese Programme künstlerisch, ästhetisch und intellektuell mager. Ausgeglichen wurden diese drögen Wortüberflutungen durch den sehr schönen Auftakt mit der britischen Candoco Company, wo man „Set and Reset“ von 1983 der großen US-Postmodernen Trisha Brown wieder sah. Auch durch den US-Choreographen Lance Gries, langjähriger Tänzer bei Trisha Brown, der in einem Soloabend mit Fantasie, unerbittlichem Variieren und Feilen an seinen freien Bewegungsabläufen die Illusion eines in den Weltraum abhebenden und dort oben schwerelos schwebenden Astronauten schafft.

Und phänomenal der Japaner Hiroaki Umeda: scheinbar bewegt von auf ihn treffenden Licht- und elektronischen Klangstößen (beides auch von ihm komponiert). Ein Wesen, herausgesprungen aus einem Animationsfilm oder aus einem Videospiel, die Hände flatternd und kreisend, der Körper, wie in seine Teile zerlegt, vibrierend, zuckend, tanzend. Streetdance? Ja, aber Umeda hat daraus eine ganz neue, eine japanische Kunstform geschaffen – und damit ein Finale, das auf die TWE 2013 hoffen lässt.

Malve Gradinger

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