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Festival „Ja, Mai“ an der Bayerischen Staatsoper: Gespräch mit Georg Friedrich Haas

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Vera-Lotte Boecker
„Jeder kann sein eigenes Leid, das ein ganz anderes sein kann, wiederfinden“: Die Oper „Bluthaus“ handelt von Nadja (Vera-Lotte Boecker), die von ihrem Vater missbraucht wurde. © Monika Rittershaus

Erstmals bittet die Bayerische Staatsoper zum Frühlingsfestival „Ja, Mai“. Serviert wird harte Kost: Die beiden Opern von Georg Friedrich Haas drehen sich um zum Teil tödliche Extremsituationen. Ein Gespräch.

„Ja, Mai“ heißt das neue Festival der Bayerischen Staatsoper, das an diesem Mittwoch in Kooperation mit dem Residenztheater und dem Volkstheater startet. Eine nette Doppeldeutigkeit zum bayerischen „Ja mei“. Aber während das gleichsam ein verbaler Ausdruck der Wurstigkeit ist, des reichlich rudimentären Interesses, des achselzuckenden Fügens in sein Schicksal, geht es bei „Ja, Mai“ ums Eingemachte. Gerade was die beiden Opern von Georg Friedrich Haas anlangt, „Bluthaus“ und „Thomas“.

Es dreht sich um elementare Ereignisse im menschlichen Leben. Um Extremsituationen, die zu gern verdrängt werden – hier um Missbrauch im Elternhaus und um das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Haas hat sich in seinen Werken vermehrt solcher Nahtstellen zwischen Diesseits und Jenseits gewidmet. Nicht zuletzt in der Oper „Koma“, die abgesagt und verschoben werden musste: Eine problemfreie Anreise des Orchesters MusicAeterna mit seinem Dirigenten Teodor Currentzis konnte nicht sichergestellt werden. 2024 soll „Koma“ nachgeholt werden.

In Haas’ Werken bekommt das Publikum durch die Musik die Möglichkeit, sich in eine andere Dimension einzufühlen. „Die Metaphysik des Physischen“ will Haas zeigen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das ist genau das, was in der Kunst passiert“, sagt der Komponist. „Jeder kann mitleiden und sein eigenes Leid, das ein ganz anderes sein kann, wiederfinden. Und dass dies in der Musik möglich ist, ist wunderbar.“

Georg Friedrich Haas
Komponist Georg Friedrich Haas schrieb „Bluthaus“ und „Thomas“. © Harald Hoffmann

Um welche Formen von Leiden aber geht es? „Bluthaus“, in seiner letztgültigen Fassung 2014 in Wien uraufgeführt, handelt von Nadja. Jahrelang wurde sie von ihrem Vater sexuell missbraucht. Nach dem Tod der Eltern will sie mit der Vergangenheit abschließen, indem sie das geerbte Haus verkauft.

„Ich bin Nadja“, sagt Haas. Seine Eltern wollten aus ihm einen Nazi machen. Eine andere Art des emotionalen Missbrauchs, die nach wie vor in ihm arbeitet. Zum Zeitpunkt der Komposition konnte er über das Thema nicht sprechen. Nur in der verklausulierten Weise der Oper war es ihm möglich. „Das war für mich überlebensnotwendig.“

Umso beeindruckender, dass der Dichter Händl Klaus das Libretto unabhängig von Haas’ Lebensgeschichte schrieb. Die fruchtreiche Arbeitsbeziehung wurde von Intendant Georges Delnon bei den Schwetzinger SWR-Festspielen „gestiftet“, wie es Haas ausdrückt. „Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Es hat total gefunkt bei der ersten Zusammenarbeit. Er schrieb den Text, und ich hab’ ihn nicht gestört. Und ich schrieb dann die Musik, und er hat mich nicht gestört.“

So auch bei der zweiten Zusammenarbeit „Thomas“. Das Libretto bekam Haas von Händl bei der Premierenfeier zu „Bluthaus“ geschenkt. Thomas sitzt im Krankenhaus am Sterbebett seines Geliebten Matthias. Nach dessen Tod gerät er vor Trauer in eine Art Trance. Während er Totenwache hält, spricht er mit Matthias. Und irgendwann hört er ihn antworten. Sie essen zusammen Minestrone. „Tiefer geht’s schon gar nicht mehr“, sagt Haas. „Da ist der Alltag wieder da. Das ist so wunderbar.“ Am Schluss bleibt es offen, ob ein Wunder geschehen und der tote Matthias wiederauferstanden ist oder nicht.

Eine Oper, die den Tod in die Wirklichkeit holt

Wichtig für Haas ist, dass in der Oper das reale Leben vorkommt. Ständig sehe man in fiktionalen Serien und Filmen, dass Leute sterben. Allerdings auf eine Art und Weise, wie sie nur den wenigsten Menschen widerfahre. Genauso sei es mit den Operntoden. Auch die spielten heute keine Rolle mehr. „Thomas“ hole den Tod in die Wirklichkeit.

Beim Krankenhaus denkt Haas sofort an das Surren, Brummen, Keuchen der Apparate. „Da kann ich doch kein normales Symphonieorchester spielen lassen.“ Also kombiniert er Zupfinstrumente, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: Gitarre, Cembalo, Mandoline, Zither, Harfe. Dabei werden die Saiten nach einem komplexen System umgestimmt. 1600 verschiedene notierte Tonhöhen hat der Computer gemessen. Ein Fall fürs Guinnessbuch, vermutet Haas.

Aber darum geht es ihm nicht. Für ihn ist jede Musik mikrotonal. Die Schattierungen zum Beispiel, die die Stimme von Maria Callas so besonders machen, kämen daher, dass sie etwas über oder unter dem Ton gesungen habe, erläutert der Komponist. Genauso viel, dass man das nicht als falsch wahrnimmt, sondern eine besondere Farbe erkennt. „Wenn ich in Mikrotonalität arbeite, dann in dieser Tradition.“

Beim Festival „Ja, Mai“ werden „Bluthaus“ und „Thomas“ mit Werken von Claudio Monteverdi kombiniert. Er ist für Haas ein Genie. „Die Art, wie er die Technik der musikalischen Rhetorik seiner Zeit zeitlos macht, indem er sie dramatisiert, ist unglaublich!“ Die Kombination an sich spielt für ihn aber keine Rolle. „Ich habe meine Oper geschrieben, und wenn man noch was dazutun muss, ist das schon recht“, meint er und lächelt dabei. Für ihn sind Werke wichtig, an denen er gerade arbeitet. Doch über sie spricht er nicht. „Wenn ich komponier’, denke ich in Musik. Nicht in Worten.“ MAXIMILIAN MAIER

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