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Das Theatertreffen zeigt die zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen der Saison - hier Elfriede Jelineks "Der Sturz" auf der Bühne des Schauspiels Köln.

Festival-Olympiade: Goldmedaille für Schiller

München - Was das deutschsprachige Schauspiel leistet - oder eben nicht: Eine Bilanz des Berliner Theatertreffens.

Geht man davon aus, dass die Auswahl der eingeladenen Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen (6. bis 23. Mai) das Beste ist, was im zurückliegenden Jahr im deutschsprachigen Raum zu haben war, dann kann einem angst und bange werden um diese Königsdisziplin der Künste. Wenn man aber zum Maßstab nimmt, wie groß der Publikumszuspruch war zu diesen zehn „Spitzenproduktionen“ aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, mit welcher Leidenschaft die festivalgeschulten Berliner diese Olympiade begleiteten, dann braucht man sich um die Zukunft des Theaters wahrlich nicht zu sorgen.

Die enorme Beliebtheit hat nicht allein künstlerische Gründe. Beim Besuch der Vorstellungen, die fast ausnahmslos im Haus der Berliner Festspiele im alten, feinen Westberlin geboten wurden, zeigte es sich, dass das Publikum vornehmlich aus ehemals Westberlinern der mittleren bis älteren Jahrgänge besteht. Sie halten dem Theatertreffen unbedingte Treue, denn es ist eines der wenigen kulturellen Glanzlichter im Westen der Stadt, das über die Wende hinaus gerettet werden konnte.

Was gab es diesmal dort zu sehen? Wirklich nur das Beste? Man weiß: Jede Jury-Entscheidung ist anfechtbar, nie haben alle Juroren alles gesehen, und es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass alles einstimmig entschieden wurde. Aber es erstaunt dennoch, dass die Qualitätsansprüche der Jurymitglieder offenbar weit auseinanderklaffen. Sonst wäre eine so modernistisch aufgemotzte und missglückte Breitwand-Inszenierung wie Stefan Puchers „Tod eines Handlungsreisenden“ aus Zürich gewiss nicht eingeladen worden. Das gilt ebenso für Karin Henkels Zirkusversion vom Kölner „Kirschgarten“. Tschechows Stück ist einfach besser, ja auch komischer, als diese Inszenierung, die der Komik immer noch eins draufsetzen will. Überhaupt ist es eine sehr schwierige und ernste Kunst, das Lachen der Zuschauer herauszufordern. Hier von der Regie extra forciert, blieb es meistens aus.

Wie auch bei den schrillsten Unternehmungen. Gleich mit zwei Produktionen wurde Herbert Fritsch nach Berlin geholt. Der alt gewordene Bühnenkasper (60), der vor über zwanzig Jahren seine Karriere startete, als er am Bayerischen Staatsschauspiel in Frank Castorfs Inszenierung „Miss Sara Sampson“ an der Rampe onanierte, dieser weiß gewordene Spaßvogel hat sich wie ein Berserker auf die Regie gestürzt. Mit einigem Erfolg insofern, als er die Schauspieler zu einem perfekt trainierten und hingebungsvollen Puppen- oder Grand-Guignol-Ensemble schmiedete und damit zwei „Provinzbühnen“ die Ehre eines Hauptstadt-Gastspiels zuteilwerden ließ. Doch zwei waren hier eins zu viel. Zwischen Hauptmanns „Biberpelz“ aus Schwerin und Ibsens „Nora“ aus Oberhausen hätte sich die Jury entscheiden müssen - für Oberhausen.

In der Nachbetrachtung zu vernachlässigende Aufführungen waren das Natascha-Kampusch-Konglomerat „Die Beteiligten“ vom Burgtheater Wien und die Berliner Freie-Szene-Produktion „Das Testament“. Was wirklich wert war, zum Theatertreffen eingeladen zu werden, kam aus Köln, aus Dresden, aus Berlin. Und es war zum Finale die gefeierte Koproduktion, an der auch Bayerns Staatsoper beteiligt war, nämlich Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“, die in München bereits Station gemacht hatte.

Karin Beier, die Kölner Intendantin, die in zwei Jahren das Hamburgische Schauspielhaus übernimmt, spielte groß auf mit Elfriede Jelineks Dreiteiler „Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz“ und sorgte für einen imponierenden, alle theatralischen Mittel des Theaters optimal einsetzenden Festival-Auftakt. Manfred Zapatka und Münchens Thomas Loibl, bestens sich einfügend in das chorische Kollektiv des Jelinek-Oratoriums, dazu die junge, zum Abschluss mit dem Alfred-Kerr-Preis gekrönte Lina Beckmann ließen deutlich werden, wie sehr so außerordentliche, doch nie auftrumpfende Schauspieler für das Glück eines langen Theaterabends notwendig sind.

So verhält es sich auch mit „Don Carlos“ vom Dresdner Staatsschauspiel. Roger Vontobel enthielt sich bei Schiller jeder Pseudomodernisierung. Aktuell wurde seine klare, keiner Schwierigkeit des Dramas ausweichende Inszenierung dank der Hauptdarsteller. Sie beglaubigen durch ihre Persönlichkeit die Zeitgenossenschaft der Aufführung. Das gilt vor allem für Burkhart Klaußner, ein eher weicher König Philipp, und Christian Friedel als hinreißender Sturm-und-Drang-Carlos. Einst noch als Falckenbergschüler mit dem Theaterförderpreis des Münchner Merkur ausgezeichnet, gehört er heute zu jenen gefragten jungen Schauspielern, die geschickt zwischen Bühne und Film („Das weiße Band“) ihren Rang behaupten.

Dass Schiller auch in jener Produktion eine beträchtliche Rolle spielt, die die Goldmedaille dieser Theaterolympiade verdient hätte, ist ein interessanter Zufall. Nurkan Erpulats „Verrücktes Blut“ - bereits beim Münchner Festival „radikal jung“ dabei gewesen - des Berliner Theaters Ballhaus in der Kreuzberger Naunynstraße, in dem türkische Schüler „Die Räuber“ lesen, beweist die künstlerische Kraft des wirklich Neuen sowie die Moderne des zeitlos Alten.

Aus Bayern war kein Theater zum Theatertreffen eingeladen. Am Ende aber kommt Berlins Festivalszene doch nicht ohne München aus. Das nächste Highlight ist in Sicht: die „Autoren Theatertage Berlin“ vom 15. bis 26. Juni. Dazu lädt das Deutsche Theater ein. Und Gast sind die Münchner Kammerspiele mit gleich zwei Produktionen: „Alpsegen“ von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sowie „Winterreise“ von Elfriede Jelinek.

Sabine Dultz

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