Festkonzert für Fischer-Dieskau

- Das sagt sich so gemeinhin: Nie und nimmer könne der Jubilar doch schon 80 sein, überhaupt sehe er blendend aus, ein böses Gerücht sei dieses im Pass verbürgte Lebensalter usw., etc., pp. Umso überraschender, wenn die Komplimente tatsächlich einmal zutreffen.

Wenn man mit geschlossenen Augen die helle, juvenile Stimme Dietrich Fischer-Dieskaus vernimmt, eine Stimme, die er quasi künstlich aufrauen und verbreitern muss, um so etwas wie Alterssprödigkeit zu erzeugen. Und dann macht man die Augen auf und wundert sich weiter. Ein agiler Herr mit sportlicher Spannung in der Körperhaltung steht da auf der Bühne der Felsenreitschule, dessen Mund beim Auf- und Abtreten gar ein spitzbübisches Lächeln umspielt. "Mindestens zehn Jahre" habe er sich stets unter seinem biologischen Alter gefühlt, bekannte Fischer-Dieskau im Interview mit dieser Zeitung - der aktuelle Auftritt bei den Salzburger Festspielen war dafür der beste Beweis.

54 Jahre nach seinem dortigen Debüt mit Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" (am Pult: Wilhelm Furtwängler) hatte das Festival ein verspätetes Geburtstagskonzert arrangiert. Dabei hätte man Fischer-Dieskau eigentlich nicht hören, sondern "nur" als Dirigent erleben sollen. Doch die Folgen eines Sturzes wenige Wochen vor seinem Jubeltag am 28. Mai verhindern noch immer den Griff zum Taktstock, den der heftig Gefeierte nun an Ivor Bolton weitergab, um den Sprecher-Part in Schumanns "Manfred" zu übernehmen.

Ein "Dramatisches Gedicht mit Musik" nannte es der Komponist, eine eigentümliche Kunstform, die dem einsamen und egozentrischen Helden aus Lord Byrons Vorlage ein gewichtiges Solo gönnt. Fischer-Dieskau, hörbar kein genuiner Schauspielkünstler, begriff die Monologe mit großem Nachdruck, nuancenreichem Pathos und raumfüllendem "hohen Ton" aus ihrer Entstehungszeit heraus.

Bedeutung und Klang für jedes Wort und jede Silbe

Auch wenn die Gesangsstimme verstummt ist, so knüpft das Sprechen nahtlos an den typischen Fischer-Dieskau-Stil an. An das bis zum Manierismus neigende, reflektierende Deklamieren, an die Angewohnheit, jedes Wort, jede Silbe auf Bedeutungs- und Klangzusammenhänge zu untersuchen.

Ivor Bolton, der den undankbaren Part des musikalischen Zulieferers übernommen hatte, schien mit Schumann zu fremdeln. Oder war's nur die Höflichkeit des Sekundanten? Brav, auch gefährdet und unscharf tönte jedenfalls manches beim Mozarteum-Orchester, als ob sich die Musik nicht recht Luft verschaffen konnte. Überdies war der sonst so exzellente Salzburger Bachchor zu klein besetzt, was für Lyrismen ideal war, nicht jedoch für die erforderliche Wucht. Immerhin: Von den Solisten Nadine Lehner, Dörthe Haring, Ferdinand von Bothmer und Jan Buchwald - alles Schüler Fischer-Dieskaus - hätte man gern mehr gehört.

Danach, bei Schumanns vierter Symphonie, schienen Bolton und sein Orchester wie befreit. Mit großer Prägnanz und einer trockenen, geschärften Klanglichkeit wurde dem Werk begegnet. Manches mag etwas äußerlich gewesen sein, doch harmlose Deutungen sind vom ruhelosen Bolton ja nie zu erwarten.

Großer Applaus nach einem langen Abend: Vor der Pause wurde Fischer-Dieskau das "Goldene Ehrenzeichen" des Landes Salzburg verliehen, und Überbringer Wilfried Haslauer vergaß für zehn Minuten, dass nicht er Mittelpunkt des Abends war. Was der Geehrte höflich geschehen ließ, ohne sich eine ironische Anspielung auf das Amt des eitlen Laudators - Landeshauptmannstellvertreter - zu verkneifen.

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