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„Tannhäuser“-Qualen: Lars Cleveman in der Titelpartie, hier mit Camilla Nylund.

Festspiel-Premiere: Heiße Luft im Regie-Tank

Bayreuth - Hilflose Konvention bietet Regisseur Baumgarten, reiche Musik-Ernte Dirigent Hengelbrock - lesen Sie hier die Premierenkritik zu Wagners "Thannhäuser".

Bub oder Mädel? Ritternachschub oder doch etwas für den Herd? Egal, froh sollte man sein, dass Venus, die arg Spätgebärende, wohlauf ist und das Baby zum finalen Aufgischten des Pilgerchores herzt und hätschelt. Doch nix mit der Traumfamilie – Rabenpapa Tannhäuser hat sich längst davongemacht, ist irgendwo zwischen Alkoholator und Klo-Sitzreihe in den Kulissen verschwunden. Entkommen wird er dieser Welt kaum. Denn, so wollen es das Regie-Konzept von Sebastian Baumgarten und die Raum-Installation von Joep van Lieshout: Alles ist hier geschlossener Kreislauf. Die Wartburg als Selbstversorgungssystem. Was hinten rauskommt, wird zu Biogas. Für den Triebabbau gibt’s im Keller Urviecher, die von der schwangeren Salonschlange Venus gebändigt werden. Und wer nicht spurt, der muss zur Gehirnwäsche in den Rom-Container. Kein Bravo „trübte“ danach den Buh-Orkan, Bayreuths Premierenpublikum, während der Aufführung noch apathisch bis irritiert, gab sich erzürnt wie selten.

Doch komisch ist: Tatsächlich hat das, was das Regieteam um Baumgarten seit Wochen in Interviewblöcke diktierte, ein Stück weit mit Wagners „Tannhäuser“ zu tun. Natürlich ließe sich das Regiment des Landgrafen als streng organisierter Stamm denken und Tannhäusers ersehnte Venus-Welt als andere, als dunkle Seite derselben Medaille. Apollinisches und Dionysisches, so will Baumgarten entdeckt haben, lägen in dieser Oper im Widerstreit – als ob der Kampf zwischen Sex und Ratio nicht schon seit der Uraufführung jedem Besucher klar gewesen wäre.

Was sich also auf Bayreuths schlecht ausgeleuchteter, sich im Beliebigen verläppernder Szenerie tut, das hat das Haltbarkeitsdatum schon überschritten. Wer Baumgartens Fleißige-Handwerker-Gewusel, die stummen Vor- und Nachspiele der Akte und all den sich als Inhalt und Aufreger gerierenden Volksbühnen-Tand abzieht, der erhält vor allem eines: hilflose Konvention. Fleißig wird von Baumgarten die Statisterie beschäftigt, mit seinen Solisten weiß er allerdings so gut wie nichts anzufangen. Pointen – der betrunkene Hirt, Wolframs Abendstern-Lied adressiert an die geschmeichelte Venus – ersetzen keine sich entwickelnde Geschichte. Und warum rechts und links noch Besucher auf der Bühne sitzen, das hat wohl wirklich nur einen Grund: damit der von Katharina Wagner umworbene Sponsoren-Club „Taff“ noch Plätze im ausverkauften Haus findet. Der größte Behälter an diesem Abend ist folglich Baumgartens Regie-Tank – doch drin ist nur heiße Luft.

Keine gute Prognose für die nächsten Spielzeiten in Bayreuths „Werkstatt“ ist das. Abgesehen vom Mann im Graben: Thomas Hengelbrock, sozialisiert in der barocken Aufführungspraxis und ebenfalls von einigen abgestraft, liefert den diskussionswürdigsten Beitrag. Der Mann hat sich tief in die Dresdner Fassung vergraben und präsentiert mit dem Festspielorchester und dem bestechenden Chor eine reiche Ernte: Mittelstimmen, die im Gedröhn gern untergehen, feine Farblasuren, auch penibel umgesetzte Dynamikverschiebungen und feingliedrige Verläufe.

In vielen Soli, besonders in den großen Ensembles dürfen die Sänger oratorisch entspannt und mit genauer Tonkonzentration singen. Michael Nagy nutzt das für einen mal lyrisch verinnerlichten, mal viril aufgerauten Wolfram (den Baumgarten als dummes Jüngelchen inszeniert). Nagy und Hengelbrock glücken die Wolfram-Szenen als Ruhemomente, in denen das Stück innehält, sich immer wieder zu besinnen scheint. Auch die imponierenden Klangbasssäulen von Günther Groissböck sind nur ein Aspekt der Rolle: ein Landgraf-Fiesling, der im Piano verborgene fürsorgliche Seiten offenbart. Und Lars Cleveman in der Titelrolle kommt dieses Dirigat ohne Überdruck ebenfalls zugute. Der Schwede mag nicht mit Heldenglanz verführen. Doch wie man die Partie disponiert, wie sie sich von Akt zu Akt zuspitzt, auch wie die Gebrochenheit Tannhäusers zu Klang werden kann, das führt er exemplarisch vor.

Eine besonders verführerische Auswahl bleibt diesem Anti-Helden kaum. Camilla Nylund (Elisabeth) spielt die germanische Version von Bellinis „Nachtwandlerin“, ihre Jubelgesänge verpassen leider knapp die korrekte Intonation. Und Stephanie Friede wird für ihre dramatische, bisweilen leiernde Venus ausgebuht. Da waren dann die Maßstäbe verrutscht: Bayreuths Publikum hat schon Übleres sogar mit Bravi bedacht. Auf der Habenseite dafür Katja Stubers offensiver Hirt und Lothar Odinius als ungewöhnlich liedhafter Walther.

Zu erleben ist an diesem Abend und dank Hengelbrock, wie viel Weber, auch wie viel italienische Turbo-Strettas im „Tannhäuser“ stecken. Der Hügel-Debütant denkt das Werk von der Frühromantik her, macht intensivste Kammermusik – und hat doch ein Problem: Über allem liegt Bayreuths Orchesterdeckel. Was sich also während der Proben oder im Graben hinreißend anhören mag, erreicht den Besucher in Reihe zwanzig, der auf Saft und Kraft wartet, nur bedingt.

Viel Entwicklungspotenzial bietet Hengelbrocks Ansatz dennoch, wobei diese Premiere zweierlei befürchten lässt: dass sein Dirigat zu vorschnell in der Schublade „Alte Musik“ landet. Und dass Baumgartens Arbeit den Orthodoxen als willkommenes Beweismittel dient – dabei ist dieser Versuch von „Regietheater“ so weit entfernt wie Nike Wagner von der Festspielleitung.

Markus Thiel

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