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Deutlich dramatischer gelaunt als ihre Vorgängerin: Ricarda Merbeth als Senta.

„Ich bin kurz und heftig“

Bayreuth - Zum Start gab es nur Aufgewärmtes: Mit der Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländers“ sind am Donnerstag die Bayreuther Festspiele eröffnet worden.

Zentrales Ereignis ist aber der neue „Ring des Nibelungen“ mit Kirill Petrenko am Pult, der Premierenzyklus beginnt heute. Regisseur Frank Castorf zeigte sich im Vorfeld recht auskunftsfreudig – für Bayreuth ein Novum.

Geschaffen für die traditionelle Pressekonferenz am Grünen Hügel sind sie beide nicht. Weder Bayerns Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP), der sich gestern erstmals die Ehre gab, dabei kurz und inhaltsarm vom „nachhaltigen“ Einsatz des Staates für Bayreuth redete. Auch nicht Frank Castorf, der erst einmal raunzte, als ihm Festspielchefin Katharina Wagner das Wort erteilte: „Ja, was soll ich jetzt sagen?“ Und: „Warum ist Petrenko nicht hier?“ Alles nur Ladehemmung, wie bald deutlich wurde. Der Mann scheint sogar beseelt von der neuen Aufgabe. „Für mich ist das hier auch ein Stück Ferien“, gab Castorf zu – selbst wenn ihm mit solcher Meinung nun Gagenkürzung drohe. Ein Konzept werde man von ihm nicht geliefert bekommen, machte Berlins Volksbühnen-Chef klar. Er verehre zwar Regisseure wie Peter Konwitschny, eine „Soziologisierung der Oper“ möge er trotzdem nicht.

Und dann redete sich Castorf heiß. Ein Tsunami an Assoziationen, eine Tour d’horizon durch „Ring“, Oper im Speziellen und die Welt im Allgemeinen. Ums Öl drehe sich doch unsere Gesellschaft. Eine „Zeitreise“ werde dieser neue „Ring“, von einer Tankstelle an der Route 66, jener legendären Straße, die horizontal die USA durchzieht, bis zum Weltenbrand an der Wall Street. Wer danach übrig bleibe, das sei entscheidend: womöglich Hagen. Die „interessanteste Figur“ sei dies in Wagners Tetralogie, meinte Castorf. Und dass diese von Attila Jun gesungen werde, noch eine Extra-Pointe: „Vielleicht ist das die koreanische Rache am deutschen Kulturgut.“ Der Mann hat also Humor.

Anekdoten eines einstigen Barrikadenkämpfers, vorgetragen mit ungerührter Miene. 275 Seiten Vertrag wie jetzt in Bayreuth, so etwas habe er noch nie gehabt. Natürlich sei die kurzfristige Übernahme der „Ring“-Regie „ne Art Überforderung“ gewesen. Verständigungsschwierigkeiten mit Kirill Petrenko werden eingeräumt, durch die Diskussion über Dostojewski habe man sich aber angenähert. Bei (mindestens) einer Sache blockte allerdings der Dirigent: Maschinengewehr-Salven zur Musik – nicht mit ihm. Eine von Castorfs Lieblingsstellen im „Ring“ ist ohnehin die, an der Fafner gähnt: „Das ist so ansteckend.“ Kaum Probleme also am Hügel? Obwohl sich Castorf über die zu kurze Probenzeit beschwert hatte? Im Interview mit dem „Nordbayerischen Kurier“ ließ Katharina Wagner gestern durchblicken, Castorf habe sein Pensum ja gar nicht ausgenutzt. „Der Vorwurf kommt bei mir häufig“, kommentierte der Regisseur auf der Pressekonferenz. „Ich bin eben kurz und heftig.“

Kein Wort zu Entscheidenderem, zu den Verträgen mit den Festspielleiterinnen. Katharina Wagner und Eva Wagner- Pasquier planen auf höheren Wunsch bereits bis 2022. Nach dem neuen „Parsifal“ im Jahre 2016, inszeniert von Jonathan Meese, sind 2017 die „Meistersinger“ dran. Keine große Konzeptinszenierung solle dies werden, das sei ja schon ihre eigene gewesen, meinte Katharina Wagner. Dann offenbar lieber ein Lustspiel.

Zu Meese hält sich die Führung weiter bedeckt: Hakenkreuze seien bei ihm, so die Losung, Kunst – und keine Sünde wie beim letztjährig geschassten „Holländer“-Sänger Evgeny Nikitin. Zu alledem bildet der „Fliegende Holländer“ des zurückhaltenden Regie-Arbeiters Jan Philipp Gloger den größtmöglichen Gegensatz. Wenn der Mainzer Chefregisseur ein Konzept hat, dann scheint er sich dafür zu genieren – wie seine wiederaufgenommene Inszenierung zeigt. Ein Kapitalismusdrama mit angezogener Handbremse. Der Titelheld als Typ von der Bayreuth- Mannheimer mit einer neuen Geschäftsidee für Dalands Ventilatoren-Fabrik – das macht nicht mal viel Wind. Die 2012 so intensiven Zweierszenen sind deutlich abgekühlt. Auf den Takt choreographierte Massenszenen und bemühte Komik zeigen: Glogers Deutung ist für dieses Werk viel zu kleinformatig. Für die Wiederaufnahme hat er nur im ersten Akt etwas gefeilt und intensiviert, vor allem aber zwei neue Solisten eingebaut. Ricarda Merbeth als Senta ist deutlich dramatischer gelaunt als Adrianne Pieczonka im Vorjahr, singt mit flackernder Stimme, die sich erst beruhigen muss, dann aber zu triumphalen Tönen fähig ist. Tomislav Muzek als Erik besinnt sich mehr auf gute Vokalerziehung als Vorgänger Michael König. Eriks Finalarie ist dank Muzek der inniglicherfüllte Höhepunkt.

Dass die Bayreuther an Samuel Youn in der Titelpartie festhalten, ist ein vielsagendes Statement: Evgeny Nikitin bleibt nur eine Episode. Youn hat seine Stärken, besonders Kondition, das signalisiert Verlässlichkeit. Aber an Zusatzfarben hat die Stimme kaum gewonnen: Warum sich Senta nach diesem Neutralo sehnt, ist rätselhaft. Franz-Josef Selig (Daland) und Benjamin Bruns (Steuermann) sind dagegen luxuriös besetzt. Der Mann im Graben sowieso: Christian Thielemann lässt hören, dass er der Pultmann mit der größten Bayreuther Akustik-Erfahrung ist. Seine Interpretation des klanglich heiklen Frühwerks schmiegt sich geradezu ins Festspielhaus. Klug dosiertes Pathos, viel Lyrisches, gute Balance: Das ist große Kapellmeisterkunst. Es gibt gewohnt viel Detailpuzzelei – und überraschenderweise auch Irritationen: Zwei-, dreimal droht etwas aus dem Ruder zu laufen, in Bayreuth ein ungewohnter Höreindruck. Wollen wir’s den jungen Kollegen doch mal zeigen, so etwas ist bei Thielemann in jedem Takt herauszuhören. Die Konkurrenz ist schließlich überstark: Heute Abend betritt Kirill Petrenko zum „Ring“-Start den Graben.

  Markus Thiel

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