Nur ein kurzes Brennen

Bregenz - Mit der Uraufführung von HK Grubers Oper „Geschichten aus dem Wiener Wald“ starteten die Bregenzer Festspiele. Eine Premierenkritik.

Das erste Mal kommt der Titelwalzer von links. Unsichtbar, von einem verstimmten Klavier. Es hakt der Rhythmus, die Intonation ist grauenhaft. Das ist nicht neu, das hat schon Vorlagedichter Ödön von Horváth so gewollt. Überhaupt sind seine „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ja ein minutiös festgelegtes Fast-Singspiel. Wo wann welche Musikstücke hereinwehen, als hintergründige Kommentare, das hat Horváth penibel im Text notiert. Die Veroperung, der Schritt weiter also, das mag naheliegen, und mit Kurt Weill war solches auch geplant, aber nie realisiert worden.

Dies besorgte nun, auf Wunsch des scheidenden Bregenzer Festspiel-Intendanten David Pountney, HK Gruber. Österreichs inoffizieller Staatskomponist hätte seine Version eigentlich im vergangenen Jahr am Bodensee vorstellen sollen. Das klappte aus Zeitgründen nicht, und so wurde seine Uraufführung heuer im Festspielhaus nachgereicht. Nur: Braucht Horváth die durchkomponierte Form? Ein unsichtbares Fragezeichen hängt über der Aufführung, und das wie ein Damoklesschwert.

Was Gruber kann: Ensembles schreiben, gleich zu Beginn etwa, wenn er mit Textbearbeiter und Regisseur Michael Sturminger mitten ins Drama springt, zur Szene an den Donau-Auen. Horváths Textmenge erklingt hier, nur das kann eben Oper, als geordnete Gleichzeitigkeit. Ein hinreißend überdrehtes Tableau, von verbeultem, verbogenem Humtata durchzogen. Einmal näselt ein Sänger durch einen Grammophon-Trichter vom eiskalten Händchen aus „La Bohème“, der zackige Erich (Michael Laurenz) reagiert auf seine Weise: Er schießt taktgenau ins Parkett.

Der Autor Markus Thiel im Interview mit dem ORF

HK Gruber ist ein versierter Orchester- und Sängerbediener. An welchen Reglern er drehen muss, um Wirkung herauszukitzeln, wie er Instrumentierung abschmeckt, wie er auch für Solistenkehlen maßschneidert, das verrät den Praktiker. Der Dreivierteltakt, mal offensiv und grell ausgespielt, mal als subkutane, wie lauernde Klangschicht eingesetzt, ist nicht nur Dekor, sondern auch strukturbildend. Geht’s um Satire, ist Gruber am besten. Späte Operette, ein Schuss Dixie, etwas Strauss oder Strauß, die Zitate- und Collagemaschine läuft da wie geschmiert.

Problematisch wird es, wenn das Stück kippt. Wo Horváth ins Böse, Zynische, Nihilistische will, wo auch Politisches die Liebe über Kreuz infiziert, flüchtet sich Gruber in den großkalibrigen Tragödienton. Und auch das wird in der Musik nur behauptet, statt aus den Situationen entwickelt: ein wie ausgestelltes Drama. Spätestens hier rächt sich, dass Horváths Textmenge für den Zweieinhalbstünder arg gekürzt werden musste. Die schnellen Dialogwechsel, mit denen Charaktere wie nebenbei aufblitzen, fehlen.

In der Sängerbesetzung fahren die Bregenzer Imponierendes auf. Ilse Eerens operiert als Marianne traumsicher und mit glasklaren Lyrismen in Sopranbereichen, wo die Luft für andere dünn wird. Daniel Schmutzhard (Alfred) ist ein kerniger, etwas braver Bariton-Stenz, Jörg Schneider (Oskar) geht mit seiner Tenorpartie und seiner Körperfülle virtuos um. Albert Pesendorfer gibt den Zauberkönig mit wohldosiertem Schmäh als Cousin des „Rosenkavalier“-Ochs und sieht dabei aus wie der reanimierte O. W. Fischer.

Völlig überbesetzt ist Anke Vondung als Mutter, eigentlich hätte sie die Valerie übernehmen müssen: Angelika Kirchschlager spielt stöckelnd und hüftschwingend das Flittchen light, bleibt vokal aber unterbelichtet. Dafür gibt’s ein Wiedersehen mit Anja Silja (Großmutter), die mit brüchiger Heroinenstimme und rollensprengender Präsenz für Inszenierungs-Ausfälle entschädigt. Regisseur Michael Sturminger buchstabiert sich scheu und treu am Text entlang und verlässt sich auf die Ausstrahlung der Sänger. Renate Martin und Andreas Donhauser (Ausstattung) arbeiten mit Versatzstücken. Ein paar transparente Baum-Hänger, ein paar Möbel, hinten laufen Videos von der Alten Donau mit UNO-City oder von einer eingehausten Autobahn, das Personal trägt Garderobe von heute: Ewig gleiches Österreich, ob Zwanzigerjahre oder jetzt, das ist freilich nur eine Ausstattungsthese. Das Dirigat besorgt HK Gruber selbst, die Wiener Symphoniker reagieren willig, mit Akkuratesse, zum heftigen Schlussapplaus fiel der Komponist vor dem Orchester auf die Knie. Kulinarik arrabiata – tut nicht weh und brennt nur kurz. Eine Komposition als (zu getreue) Dienerin, so etwas schüttelt Horváths Stück schnell ab.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 27. Juli und 3. August; Telefon 0043/ 5574/ 4076; ab März 2015 am Theater an der Wien.

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