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Henry und seine schrille Opertruppe: Toby Spence mit Diana Damrau als seine angetraute Aminta.

Münchner Opernfestspiele: Tortenschlacht und Seelenlyrik

München – Als sei’s ein Rückfall in frühere Zeiten, so schrillbunt, aber auch berührend inszenierte Barrie Kosky Strauss’ „Die schweigsame Frau“. Festspiel-Premiere war am Dienstag im Prinzregententheater. Die Kritik:

Die Handlung

Sir Morosus leidet unter seiner geschwätzigen Haushälterin. Sein Barbier rät ihm, er solle sich eine junge Frau nehmen. Morosus’ Neffe Henry will sich mit seiner Operntruppe beim Onkel einquartieren – der schmeißt alle raus. Da denken sich die Geschassten eine List aus: Der Barbier führt Morosus drei Heiratskandidatinnen vor, darunter Henrys Freundin Aminta, die als schüchterne „Timidia“ Morosus begeistert. Eine fingierte Trauung wird vollzogen. Aminta entpuppt sich als lauter Quälgeist. Alles wird aufgeklärt. Morosus segnet die Verbindung Henrys mit Amintas und setzt ihn wieder als Erben ein.

Und wenn sie es doch miteinander probiert hätten? Er nach einem Besuch beim Stilberater, vor allem beim HNO-Arzt, der sein beschädigtes Ohr fitmacht für die Hochtöne der Angebeteten? Und sie nach Verlassen ihres Jung-Lovers inklusive Temperamentszügelungstraining? Ein wenig davon klingt an im zweiten Akt. Denn da ist schon mehr als Mitleid Amintas für Sir Morosus. Schwanken? Zuneigung? Und als der Gefoppte von der vergangenen Jugend singt, davon, dass er und sie doch gar nicht zusammenpassen können, da weht auf einmal ein Lüfterl „Rosenkavalier“ durch den Abend: Morosus demnach als männliches Midlife-Krisen-Pendant der Marschallin?

Es sind die stärksten Momente des Abends – und dieser Strauss-Oper. Auch weil Barrie Kosky dafür den grellen Zinnober seiner Inszenierung von der Bühne fegt, sich dem Kräftedreieck Morosus-Aminta-Henry zuwendet, dem eigentlichen Kern der „Schweigsamen Frau“. Und damit ungewollt den Beweis führt: Ob Richard Strauss nicht doch als empfindsamer Lyriker bessere Komponistenfigur macht denn als trampeliger Humor-Behaupter?

Denn anfangs wähnt sich der Besucher dieser Festspiel-Premiere im Prinzregententheater als Zeuge eines Rückfalls. Als Teilnehmer eines Zeitmaschinentrips in die Ära Peter Jonas, als Regie sich auf schrillbuntes Verpackungsmaterial beschränkte. Ausstatterin Esther Bialas tut zwar anfangs unschuldig, bietet ein hochgefahrenes Podium auf schmucklos aufgerissener Bühne mit Sicht auf Brandmauer und Beleuchtungsbrücken. Doch als Morosus’ Neffe Henry mit seiner Theatertruppe aufmarschiert, ist das eine Massen-Parade aus der Opernhistorie: von Violetta mit TBC-rotem Taschentuch über Butterfly und Escamillo bis zu Diana Damrau, die mit energischem „Hojotoho“ als hochschwangere Brünnhilde die Bühne entert: Diese Truppe, so solidarisiert man sich prompt mit Morosus, die hätte jeder aus seinem Haus verbannt.

Die Besetzung

Dirigent: Kent Nagano.

Regie: Barrie Kosky.

Ausstattung: Esther Bialas.

Chor: Andrés Máspero.

Darsteller: Franz Hawlata (Morosus), Catherine Wyn-Rogers (Haushälterin), Nikolay Borchev (Barbier), Toby Spence (Henry), Diana Damrau (Aminta), Elena Tsallagova (Isotta), Anaïk Morel (Carlotta), Christian Rieger (Morbio), Christoph Stephinger (Vanuzzi), Steven Humes (Farfallo).

Auch später, bei der Lazarett-Revue von Henrys Kumpanen oder beim schwülen Finale gibt Kosky den routinierten Massenbeschäftiger inklusive Tortenschlacht und Transennummer. Ein Theatercoup: der Beginn des dritten Akts, als das Podium hochklappt, Aminta und Morosus in der Mittelaussparung stehenbleiben und sich ein Münzenregen über sie ergießt. Sieht alles mehr nach ProSieben-Humor denn nach Komödien-Florett aus, ist aber nicht unbedingt Schuld des Regisseurs. Diana Damrau (Aminta) lässt Kosky folgerichtig von der Leine. Und der Star des Abends funktioniert als schmollippig zirpendes bis zärtelndes Liebchen genauso perfekt wie als aufgekratzte Tonschleuder. Dass sie ihre sieben Monate währende Schwangerschaft bereitwillig vorführt, verleiht der Figur einen Extra-Kick, hat der Damrau zudem eine substanzreichere Stimme beschert. Und dass sie Extremlagen klug zurücknimmt, ist doch dort manch faseriger Ton zu vernehmen, deutet auf eine Zukunft im lyrischen Fach.

Während Diana Damrau also eine Selbstläuferin ist, muss Kosky mit Hawlata intensiv gearbeitet haben. Der gibt einmal nicht den (autobiografisch begründeten?) lässigen Fiesling, sondern einen eher zurückhaltenden, manchmal verdrucksten Morosus mit erheblichem Sympathiepotenzial. Dass Hawlata noch tonschön und mit angezogener Handbremse singt, auf Poltern dabei weitgehend verzichtet, untermauert das nur – es ist seine bislang beste Rolle. Toby Spence bewegt sich mit Strahletenor durch die heikle Henry-Partie, lässt sich nie zum Überspielen verleiten, Nikolay Borchev ist als Barbier-Entertainer ein Kabinettstück für sich – kurz: eine Besetzung, die bis zur trampeligen Carlotta (Anaïk Morel) und zum Farfallo als Handtäschchenschwinger (Steven Humes) ausnahmslos Festspiel-Niveau bietet.

Und Kent Nagano? Hat das szenische Fratzenschneiden geflissentlich übersehen. Auf eine dezent abgeschmeckte, intime Deutung hat es der GMD abgesehen. Ein Interpretation, die sich mit dem klanglich versierten Staatsorchester für Strauss’ Melos, seine lyrischen Aufschwünge interessiert. Die allerdings auch in den großen Ensemble-Szenen in Schlingerbewegungen gerät, im Vorspiel zum ersten und dritten Akt ungenau bleibt, manchmal sogar (Barbier-Monolog) den Kontakt zur Bühne ganz verliert.

Egal, die Partitur ist hochkomplex. Das am Ende heftig und demonstrativ jubelnde Publikum erkor Nagano zum Sieger der Aufführung. Die tut nicht weh, bescherte dem Regie-Team sogar ungetrübten Erfolg und leistet folglich erhebliche Versöhnugsarbeit. Natürlich zwischen Morosus und Henry/Aminta. Aber womöglich auch zwischen einem ob der Spielzeit enttäuschten Publikum und der Staatsopernleitung.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen: 23., 26., 30. Juli (alle ausverkauft).

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