Festspielgespräch: gefährliche Liebschaften

Salzburg - Ein erbitterter, brutaler Endzeitkampf ist Heiner Müllers "Quartett". Die Salzburger Festspiele bringen das Zweipersonenstück an diesem Samstag heraus. Es spielen Barbara Sukowa und Jeroen Willems, Barbara Frey führt Regie.

Als "Requiem zwischen Mann und Frau" bezeichnet Barbara Frey das Müller-Drama. Als Werk eines "Untergangsromantikers". Jeroen Willems findet es "wahnsinnig zynisch" und ebenfalls "sehr romantisch". Und Barbara Sukowa möchte am liebsten gar nichts dazu sagen, nur so viel, dass ihr der "sehr gute Text" beim Lernen anfangs keine Schwierigkeiten gemacht habe. Bis später "Fallen" auftauchten und "Phasen, wo ich ihn hasste, vielleicht weil er sich dem bürgerlichen Empfindungstheater so entzieht".

Heiner Müllers 1981 uraufgeführtes "Quartett", das auf Choderlos de Laclos' Briefroman "Gefährliche Liebschaften" basiert, ist sein mit Abstand meistgespieltes Stück. Zwei Personen beharken sich darin: die Marquise Merteuil (Sukowa) und ihr Ex-Geliebter Valmont (Willems). Ein Machtspiel, in dem Sexualität und Sprache zu Waffen werden, in dem auch die beiden ihre Rollen tauschen oder in andere Figuren schlüpfen, bis es zur tödlichen Katastrophe kommt.

"Müller ging es hier nicht um Erkenntnis", sagt Barbara Frey. "Ihn interessierte vielmehr die Erfahrung. Und zwar eine Lust auf Erfahrung miteinander, wie man sich dabei aneinander reibt und darin zerstört." Aber nicht nur persönliche Zuneigung oder individueller Hass würden thematisiert, eine weitaus "gigantischere Frage" stehe im Raum: die nach der Existenz von Gott. "Beide arbeiten sich am Christentum ab", meint die Regisseurin. "Sie vermuten, dass der Himmel leer ist, können Gott aber dennoch nicht aufgeben."

Unsympathisch sind ihr Merteuil und Valmont deshalb noch lange nicht. "Ich kann diesen Menschen viel abgewinnen. Sie haben Hunger, Durst, werden mit ihrer Sexualität nicht fertig und zeigen eine monumentale Lust auf Zärtlichkeit."

Barbara Frey, die aus der Schweiz stammt und ab Herbst 2009 das Zürcher Schauspielhaus übernehmen wird, ist in München eine feste Theatergröße. Ihre Inszenierungen von Tschechows "Onkel Wanja" und Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" zählen am Staatsschauspiel zu den Regie-Perlen. Der Horváth-Abend wurde seinerzeit mit Salzburg koproduziert.

In der Festspielstadt bekamen es Barbara Frey und ihre beiden Schauspieler heuer mit einem ungewöhnlichen Raum zu tun: Im barocken, 60 Meter langen Carabinieri-Saal der Residenz wurde bislang noch nie Theater gespielt. Ein Un-Ort für Heiner Müller? "Das Ritualhafte des Stücks funktioniert hier sehr gut", entgegnet Frey. Außerdem habe Bühnenbildnerin Bettina Meyer einen 30-Meter-Leuchtbalken ersonnen, der die Raumwirkung unterstütze. Und um die Akustik auszutricksen, vertraue man auf die Verstärkung per Mikroport, was, so Barbara Frey, "beim Sprechen große Intimität zulässt".

Doch nicht nur der Residenz-Saal, Salzburg überhaupt sei ein idealer Ort für die existenzielle Schlacht Heiner Müllers. "Der Tod ist in dieser Stadt spürbarer als in anderen Städten", formuliert es Barbara Frey. "Salzburg hat so was Kesselartiges und der Mönchsberg etwas ganz Geisterhaftes."

Da kann Barbara Sukowa ihrer Regisseurin nur beipflichten, außerdem passe das hiesige Publikum auch ganz gut zum "Quartett". Schließlich tauschten sich zwei Personen aus, die ähnlich wie viele Festspielgäste keine schwere Arbeit verrichten müssen, aufgrund ihres Reichtums womöglich überhaupt nicht auf Broterwerb angewiesen seien: "Was ist das also für ein Gefühl, keine Verpflichtungen mehr zu haben?", fragte sich deshalb Barbara Sukowa. "Wenn du nur da bist, denken darfst und quasi in deinem Geist gefangen bist?"

Für ihren Kollegen, den Amsterdamer Jeroen Willems, ist das "Quartett" die erste Auseinandersetzung mit Heiner Müller. "Zunächst muss man das Stück irgendwie umarmen", sagt Willems. "Später allerdings sollte man den Respekt verlieren, sonst kommt man nicht 'ran." Und erst, als man für die letzte Probenphase in den Carabinieri-Saal umzog, da sind sich alle drei einig, habe man den Geist des Stücks richtig erfassen können.

"Wir werden noch viel entdecken", lacht Merteuil/Barbara Sukowa. "Ich glaube, die Premiere wird garantiert nicht unsere beste Vorstellung werden."

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