Premierenkritik

„Orfeo ed Euridice“: Auf der Psychiatercouch

Als dritte Premiere der diesjährigen Festspiele auf Gut Immling hat Intendant Ludwig Baumann mit Glucks „Orfeo ed Euridice“ ein populäres Stück auf den Spielplan gesetzt. Ein ebenso überraschender wie gelungener Abend.

Der Verlust eines geliebten Menschen geht an keinem spurlos vorbei. Dies mag wohl auch einer der Gründe sein, warum die Geschichte um den Sänger Orpheus zu den meist vertonten Stoffen zählt. Als dritte Premiere der diesjährigen Festspiele auf Gut Immling hat Intendant Ludwig Baumann mit Glucks „Orfeo ed Euridice“ eine der populärsten Varianten auf den Spielplan gesetzt. Diesmal selbst als Regisseur aktiv, legt Baumann nicht nur Orpheus auf die Psychiatercouch, sondern analysiert gleich das gesamte Stück. Wobei Dissonanzen ebenso eingebaut werden wie artfremde Musikstücke. Zu Beginn lädt man das Publikum zum Konzert in den Salon von Orpheus und Eurydike, wo  der  frisch Vermählte Schuberts „Leise flehen meine Lieder“ intoniert oder die Braut am Klavier mit Debussys „Clair de lune“ den Grundton für  das folgende Traumspiel definiert, ehe Glucks heitere Sinfonia einsetzt.

Mit dem plötzlichen Tod Eurydikes findet die beglückte Stimmung ein Ende, und es beginnt ein langer Prozess des Heilens für den Titelhelden. Der hat in Modestas Sedlevičius einen Interpreten, der mit hell timbriertem Bariton gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen leiser Trauer und wild aufbäumender Verzweiflung balanciert, dem aber gleichzeitig die nötigen Klangfarben für die langsam aufkeimende Hoffnung und für die Erinnerungen an glücklichere Zeiten zur Verfügung stehen. An seiner Seite überzeugen dabei nicht nur die mit warmem Sopran punktende Eurydike von Maryna Zubko und die etwas leichtgewichtige, aber stimmlich umso agilere Rachel Croash als Amor, sondern vor allem Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock.

Sie findet nach Verdi und Donizetti nun einen Draht zu Gluck und kultiviert mit ihrem hochmotivierten Orchester einen schlanken, historisch informierten Klang. Selbst das berühmte „Che farò senza Euridice“ präsentiert sich so, ganz im Sinne des Opernreformators Gluck, nicht als großer rührseliger Gefühlsausbruch, sondern im besten Sinne des Wortes als dem Text und der Inszenierung dienende Theatermusik. Ein ebenso überraschender wie gelungener Abend, der einen der stimmigsten Immlinger Festspieljahrgänge seit Langem abrundet.

Tobias Hell

Aufführungen

am 30. Juli, 5. August;
Karten unter www.gut-immling.de und 08055/ 90 34 0.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare