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Tanz-Version nach Wassily Kandinskys Bühnenkomposition „Der gelbe Klang“ von dem Choreographen und Bühnenbildner Michael Simon.

Zur Festwoche

Kandinsky meets Staatsballett: "Der gelbe Klang"

München - Die Festwoche des Bayerischen Staatsballetts feiert ihren Auftakt am Freitag im Münchner Nationaltheater mit einer Besonderheit. Sie huldigt einem der größten Meister der Malerei: Kandinsky. Choreograph Simon nahm sich dessen Stück "Der gelbe Klang" zur Inspirationsquelle.

„Der Leser wird gebeten, die Schwächen der folgenden kleinen Komposition ,Gelber Klang‘ nicht dem Prinzip zuzuschreiben, sondern sie auf die Rechnung des Verfassers zu stellen“, bittet Wassily Kandinsky (1866–1944) am Ende seines Aufsatzes „Über Bühnenkomposition“ und als Mini-Vorrede zu „Der gelbe Klang Eine Bühnenkomposition“. Beide Texte bilden den Abschluss des berühmten Almanachs „Der Blaue Reiter“, nach dem die Künstlergruppe um Kandinsky und Franz Marc benannt wurde. Von Bayern aus revolutionierte sie die Kunst und strahlt noch heute wirksam in sie hinein. Im Mai 1912 erschien das Buch im Münchner Piper-Verlag, der 1911 bereits Kandinskys Essay „Das Geistige in der Kunst“ herausgebracht hatte. Damit waren auch die beiden Ausstellungen der Künstlerschaft des „Blauen Reiter“ publizistisch unterfüttert. Selbst wer nur füchtig durch das Buch blättert – als Taschenbuch-Nachdruck in der Serie Piper erhältlich –, merkt sofort: Das ist kein Manifest, in dem sich Künstler bestimmte Regeln geben, um sich von anderen abzuheben. Nein, „Der Blaue Reiter“ umarmt die Welt – all ihre Kulturen, und zwar zu allen Zeiten und von allen Menschen, ob Profi oder Laie. Die vielen Abbildungen im Buch – zwischen Marc und Kinderzeichnungen, van Gogh und ägyptischen Schattenspielfiguren, Matisse und bayerischen Hinterglasbildern – bedeuten dem Leser demonstrativ: Wir sind für alles offen.

Wassily Kandinsky nahm in den Almanach „Der Blaue Reiter“ sein Gesamtkunstwerk „Der gelbe Klang“ auf. Farben und Licht spielen darin wie in seiner Malerei eine entscheidende Rolle: Das lebendige Gelb durchzieht und besonnt auch das obige Aquarell, einen Entwurf zu „Allerheiligen“

Die Texte der verschiedenen Autoren folgen auf nachdenkliche Weise diesem Prinzip. Offenbar war es insbesondere Wassily Kandinsky wichtig, die Musik, die Bühnenkunst mit einzubeziehen. Arnold Schönberg, Thomas von Hartmann, Leonid Sabanejew und Nikolai Kulbin äußerten sich theoretisch oder konkret analysierend (Skrjabins „Prometheus“) zur Musik. Das will Kandinsky im Aufsatz „Über Bühnenkomposition“ und im Drama „Der gelbe Klang“ (Entwürfe wohl schon 1906) zu einer Synthese führen. Jahrelang hatte er sich mit der Idee beschäftigt, dass die Künste sich aus einer einzigen Quelle speisen. Nur logisch, dass er sie zusammenfügen wollte. Im „Gelben Klang“ legte er den praktischen Versuch seines Gesamtkunstwerks vor. Im philosophischen, theoretischen, ästhetischen Teil davor erklärt er die Mängel der Bühnenkünste Drama, Oper sowie Ballett des 19. Jahrhunderts, analysiert den Versuch Richard Wagners zum Gesamtkunstwerk – und setzt seine These dagegen.

Für Kandinsky blieben die alten Formen im Äußerlichen stecken, er wollte zur „inneren Identität“ vorstoßen. Solche Erkenntnisprozesse werden für ihn nur „in der menschlichen Seele“ möglich. Ein „Seelenvorgang“/ „Vibration“ im Künstler erreicht durch das Werk den „Empfänger“, in dessen Seele „Saiten“ in „Schwingung“ gebracht werden. Wichtig ist es, damit zum „ursprünglichen Klang“ zu gelangen. Der Russe verwendete metaphorische Begriffe aus dem Feld der Lautlichkeit und Musik, um seine transzendenten Kunstvorstellungen plausibel zu machen. Die Vermischung der Sinnesempfindungen auf der sprachlichen Ebene spiegelt sich konsequent in seiner Bühnenkomposition wider. Sie will das bessere Gesamtkunstwerk sein. Und nutzt den hochsymbolischen Terminus „Klang“. Kandinsky kündigt an:

„Es sind hier drei Elemente, die zu äußeren Mitteln im inneren Werte dienen:
1. musikalischer Ton und seine Bewegung,
2. körperlich-seelischer Klang und seine Bewegung durch Menschen und Gegenstände ausgedrückt,
3. farbiger Ton und seine Bewegung (eine spezielle Bühnenmöglichkeit).“

Im Übrigen ist klar, dass es eine Handlung bei Kandinsky nicht gibt. Sie ist eine Äußerlichkeit, die er streicht, weil seine Arbeit „auf dem Boden des Innerlichen“ stehen soll.

Deswegen bevölkern seine Bühne neben Naturelementen wie Hügel, Licht und Blumen und neben den Menschen Gestalten aus Märchen, Mythos und Sage, hier „Fünf Riesen“ (gelb) und „Undeutliche Wesen“ (rot). Wie fast alle Künstler zu allen Zeiten verankert auch Wassily Kandinsky sich damit in einer zeitlosen Allgemeingültigkeit. Körperliche Bewegung, Musik und Bildlichkeit (die Akte nennt er „Bilder“) wünscht der Künstler gleichberechtigt auf der Bühne – und das schafft er, soweit man das beim Lesen feststellen kann. Gesangstexte gibt es kaum, und wenn doch lyrisch-geheimnisvolle, die entweder Gegensätze zusammenzwingen oder religiöse Andeutungen machen. Die unbefleckte Empfängnis lässt sich im Zusammenhang mit den weißen Blumen („Bild 2“) erahnen; am Ende in „Bild 6“ wächst ein gelber Riese bühnenhoch und formt das Kreuz.

Frappierend sind indes weniger die kulturhistorischen Bezüge, die der Künstler antippt, sondern seine genauen Anweisungen für die gedachten Bühnenvorgänge. Präzise fügt er, der Maler, sogar die musikalische Ebene mit der des „Tanzes“ zusammen: „Die Musik ändert oft das Tempo, hier und da wird auch sie matt. Gerade in so einem Augenblick macht ein weißer Mensch links (ziemlich hinten) unbestimmte, aber viel schnellere Bewegungen. ... Es ist wie eine Art Tanz. Nur ändert sich auch das Tempo oft, wobei es manchmal mit der Musik zusammengeht und manchmal auseinander.“ Kandinsky als Vater des Modernen Tanzes, des Tanztheaters!?

Unglaublich beeindruckend für uns heute ist gleichzeitig, wie lebendig „Der gelbe Klang“ Kandinskys eigene Malerei theatralisiert und Ideen der Lightshows vorwegnimmt, genauso der Licht-Installationen von Künstlern wie Olafur Eliasson oder Dan Flavin. Ja, selbst das pudrige Licht-Raum-Erlebnis, mit dem uns James Turrell verzaubert, wollte der Russe in seine Bühnenkomposition einbauen. Allein das reiche Farblicht-Spiel, das Kandinsky vorschlug, schreit nach einer richtig grandiosen Umsetzung.

Man darf gespannt sein, was Michael Simon daraus macht. Er hat sich für seinen „Gelben Klang“ Musik von Frank Zappa erkoren. Kandinsky hatte damals auf seinen Landsmann Thomas von Hartmann (1885–1956) gezählt, der von 1908 bis 1911 in München lebte. Er versuchte, seine Komposition und Kandinsky Stück samt Ausstattungsentwürfen beim Moskauer Künstlertheater aufführen zu lassen. Ohne Erfolg. Obendrein sind dort alle Papiere in der Russischen Revolution verloren gegangen. „Der gelbe Klang“ sei erst 1956, also lange nach Wassily Kandinskys Tod, von Jacques Polieri und Richard Mortensen realisiert worden, merkt Kunstgeschichtsprofessor Klaus Lankheit (1913–1992) in seinem Kommentar zum „Blauer Reiter“-Nachdruck an. Jetzt gibt es in München 102 Jahre nach Erscheinen des Almanachs und seines „Gelben Klangs“ einen eigenen Versuch.

Informationen:Neben dem „Gelben Klang“ wird am 4. April „Spiral Pass“ von Russell Maliphant und „Konzert für Violine und Orchester“ von Aszure Barton uraufgeführt; Karten unter Telefon 089/ 21 85 19 20.

Simone Dattenberger

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