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Teresa Weißbach und Klavierbegleiter John R. Carlson in 20er-Jahre-Klamotten.

Fetzige Frivolitäten

München - Lieder der 20er- und 30er-Jahre: Schauspielerin Teresa Weißbach kommt mit „Bar zum Crocodil“ nach München.

Hat man je ein überraschteres und zugleich abfälligeres „Wie bitte?“ gehört? Da hatte sich der hässlich bebrillte Micha endlich ein Herz gefasst und die schöne Miriam aufgefordert, mit ihm zur Musik des Schallplattenunterhalters (auf gut Bundesrepublikanisch DJ genannt) zu tanzen – und dann diese eiskalte, blond-blitzende Abfuhr. Was ist aus dem engelsgleichen Teenagertraum aus Leander Haußmanns „Sonnenallee“ geworden, in den sich Alexander Scheer als Micha so schrecklich verliebt hatte?

Teresa Weißbach war 17 und hatte ihr Abitur noch vor sich, als Haußmann sie für seinen DDR-Film entdeckte. Die Bäckerstochter stammt aus dem erzgebirgischen Stollberg und spielte von klein auf im Kinder- und Jugendtheater. „So ließ sich am besten mein Überschuss bündeln, mein Drang, den anderen etwas vorspielen zu wollen“, sagt sie heute. In Rostock ging sie später auf die Schauspielschule, in Wien spielte sie zweieinhalb Jahre an der Burg bei Jürgen Flimm und Andrea Breth, in Berlin ließ sie sich inzwischen mit ihrem Mann nieder, weil sie eine Ehe zwischen zwei Ländern zu kompliziert fand. Und mit ihrer „Bar zum Crocodil“ tourt sie neuerdings herum, wenn sie nicht gerade vor der Kamera oder auf der Theaterbühne steht.

Die „Bar zum Crocodil“ ist ihr frisch einstudierter Liederabend der 20er- und 30er-Jahre, bei dem sie die Freiheit und Herausforderung genießt, ihr eigener Autor, Dramaturg, Schauspieler und Ausstatter zu sein. Ganz bewusst hat sie dafür keinen Theaterraum gewählt: In München etwa ist sie damit in der Aurora Bar zu Gast, wo sich vielleicht die Sängerin Lola, die sie spielt, damals herumgetrieben und ihr Glück versucht hätte.

Warum interessiert Weißbach diese Zeit und so ein Leben? „Ich mag die Sprachgewalt in diesen Liedern über Liebesleid, -glück und -schmerz. Man hatte damals den Ersten Weltkrieg überstanden, suchte Ablenkung und hatte Sehnsucht nach dem Leben und der Lebendigkeit“, sagt sie. „Ich habe mir die weichgezeichneten Filme dieser Zeit angeschaut und finde den Look toll. Ich glaube, er passt zu meinem klassischen, altmodischen Gesicht.“ Was Micha wohl dazu gesagt hätte? Vermutlich wäre er dahingeschmolzen, hätte er sie in diesen frivolen Crocodils-Bar-Fetzen gesehen und sich dann mit John R. Carlson duelliert. Denn der darf Weißbach am Klavier begleiten.

Nach der Premiere in Stollberg, wo mit ihrer Grundschullehrerin und den Nachbarn vermutlich ihre schärfsten Kritiker im Publikum saßen, und Schwerin, wo sie ihr erstes Engagement hatte, gastiert sie nun nicht ganz zufällig in München: Ihr Mann, der beim Film arbeitet, stammt aus Fürstenfeldbruck. Und deshalb soll nach der erzgebirgischen auch der bayerischen Verwandtschaft die Ehre erwiesen werden. Was als Nächstes kommt? „Da strecke ich wie immer meine Fühler in alle Richtungen aus und warte, was der Würfel würfelt. Vielleicht geht es in musikalischer Richtung weiter“, sagt sie, von ihrem neuesten Terrain offenbar noch ganz beglückt.

Christine Diller

Am 22. und 23. März um 20 Uhr in der Münchner Aurora Bar am Beethovenplatz 2. Bitte unbedingt reservieren unter Tel. 089/260 49 80 oder aurora-bar@t-online.de.

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