Das Feuer und die Präzision

- Dass die Reihe ein Glück ist für München, für das musikalische Leben in Deutschland, ist oft gesagt worden - es stimmt immer wieder: Am Freitagabend ist die musica viva im Herkulessaal in die neue Saison gestartet und hat ihrem Namen alle Ehre gemacht: Lebendige Musik, Musik, die zur Stellungnahme auffordert, Musik, die tatsächlich spricht.

Denn in sein großes Orchesterstück "Verlorenwasser" hat der Komponist Helmut Oehring, Jahrgang 1961, eine Sprache einfließen lassen, auch wenn man die mit der Musik, der "Ohrenkunst" par excellence, nicht so schnell zusammenbringen würde: die Gebärdensprache. Die erste Sprache, die er, das Kind gehörloser Eltern, lernte, seine Muttersprache also, wie Oehring während des Umbaus im Gespräch mit Ingo Metzmacher erläuterte. Für das Stück bedeutete das, klar: Hinschauen.

An drei Stellen im riesigen Orchester standen Gruppen von je drei Mitgliedern eines Gehörlosenzentrums und kommentierten den Wandel der Orchesterfarben mit weit ausholenden Gesten: Ein Gag, dem man Sinnlichkeit nicht absprechen kann, der aber rasch dazu neigte, sich zu verbrauchen. Und ob man nicht doch einer gewissen verklärenden Gebärdensprachen-Romantik aufgesessen ist?

Egal, das Stück hatte seinen Effekt, nicht zuletzt durch die Solisten Salome Kammer und Matthias Bauer, die den Stimm- bzw. Kontrabass-Part so engagiert wie virtuos verlebendigten. Die musikalischen Schwergewichte waren drumherum gruppiert, sie zu hören war angesichts des Feuers, der Präzision, der Beredtheit des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Ingo Metzmacher ein Vergnügen.

Hans Werner Henzes orchestrale Fortspinnung einer Klaviersonate Karl Amadeus Hartmanns und am Ende Hartmanns grandiose Achte Symphonie, ein Stück, das den Komponisten in der Tradition Mahlers und Bruckners zeigt, und doch: welche lustvolle Unruhe, welche Dichte im polyphonen Spiel, welch fast schwelgerisches Nachdenken bis in die zartesten Verästelungen der Solostreicher!

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