Feuerschein in tiefster Nacht

- Das rettende Lagerfeuer ist nah, aber noch watet die heilige Familie am Ufer in tiefster Nacht. Josefs Lampe leuchtet zart den Weg. Magisch überzieht das Vollmondlicht die innige "Flucht nach Ägypten". Über allem spannt sich ein funkelndes Firmament, das jetzt, gut 400 Jahre nach seiner Entstehung, für weitere schlaflose Nächte sorgte. Ein ganzes Aufgebot an Wissenschaftlern der Alten Pinakothek und des Deutschen Museums München erforschte nun, was Generationen von Malern in unzähligen Nachahmungen in ihren Bann zog.

Bibelgetreue Heilige Nacht

Dieser magische Himmel über Jesus - ist er nun Ergebnis früher Astronomie oder eine weiterer Glücksgriff des deutschen Malers in Rom? Schon mit dem Motiv an sich war Adam Elsheimer, 1609 Jahre nach der Begebenheit, ein Vorreiter: Er war der Erste, der die Episode bibelgetreu in der Nacht darstellte. Und in was für einer Nacht! Die Milchstraße glitzert mit weit über tausend Sternen, eine weitere Tausendschaft an Leuchtpunkten ist ihr zur Seite gestellt. Sogar die Krater auf dem Mond sind in jenen klaren Stunden erkennbar. Eine atmosphärische Bündelung von naturwissenschaftlicher Akribie und künstlerischer Freiheit, wie sich jetzt herausstellte.

Was Astronomie und Kunstgeschichte zusammen leisten können, zeigt die Ausstellung "Von neuen Sternen" in doppelter Hinsicht, als würdiger Auftakt für die Umgestaltung der Alten Pinakothek. Das wiedereröffnete Klenze-Portal, seit dem Zweiten Weltkrieg geschlossen, geleitet hinein in ein Foyer, zwei Säle und fünf Kabinette, die Wechselausstellungen vorbehalten sind.

Rechterhand jetzt das schillernde Spektrum der Astronomie: Mittels Computeranalysen bekam man heraus, dass Elsheimer eine Juninacht in Rom verbunden hat mit früheren Himmelseindrücken. Für den Mond hat er wohl parallel zum großen Galileo Galilei frühe Fernrohr-Studien betrieben. Der detaillierte Vergleich zwischen Wahrheit und Kunst, zwischen den Anfängen eines neuen Weltbildes und heutiger Perfektion ist packend.

Rein mythologisch gesehen entstand die Milchstraße durch den kleinen Herkules, den Zeus seiner Juno unterschob. Da Juno den Schwindel aufdeckte, verspritzte die Unsterblichkeit Verheißende ihre Milch als Sternenstraße ins Weltall. Peter Paul Rubens schuf dieses Monumentalwerk für ein spanisches Jagdschloss 1636/38. Gut 22 Jahre zuvor hat er das Flucht-Thema umgemodelt: In seiner Version wird die atmosphärische, neuzeitliche Landschaftsmalerei des Freundes Elsheimer zur dramatischen, eigenständigen Erzählung.

Genauso hat Rembrandt 1646 in seiner "Ruhe auf der Flucht" seine Leidenschaften betont: warmer Feuerschein und tiefste Nacht. Joachim von Sandrart platziert einen bunt geflügelten Amor vor einer mystischen Mondlandschaft: Dieses Bild, zum ersten Mal öffentlich zu sehen, belegt die Bandbreite an Anregungen, die Elsheimer mit seinem kleinen Meisterwerk auf Kupfer gab. Dass es dermaßen weite Kreise zog, dafür war auch Hendrick Goudts Nachstich verantwortlich. Ob Elsheimer alles in noch größere Bahnen hätte lenken können? Die "Flucht" sollte sein letztes Bild sein. 1610 starb er, gerade 32 Jahre alt.

Bis 26. Februar, Katalog: 24,90 Euro, Tel. 089/23 80 52 16.

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