Wie ein feuriger Blitz

- Formschön, manchmal ein bisschen Flachrelief, aber insgesamt farbig, dynamisch, unterhaltsam - Philip Taylors neuer Abend für sein BallettTheater im Münchner Gärtnerplatztheater. Sein junges Ensemble tanzt so rasant gut, als wäre es ein Zwillingsableger der Den Haager Nederlands Dans Junior Company. Ein internationales Lüftchen weht hier durch die hinreißenden Bühnenbilder (Claudia Doderer/ Taylor). Allerdings: So einige Schwierigkeiten hat man mit dem Titel-Imperativ "Frag' den Tanz!" - und involviertem ideologischem Überbau.

Man muss ziemlich zwischen Programmheft und Besetzungszettel hin- und herblättern, um Taylors fünf Denksporträtsel zu lösen wie "Damals und heute . . . was ist besser?" (Tanz/ Frage I) oder "Läuft da die Liebe, so wie sie soll?" (Tanz/ Frage II). Fragen wir doch mal zurück: Hilft's zum Verstehen von dem, was auf der Bühne passiert? Nööö. Also selber genau hinsehen.

Und gleich der Beginn ist wunderschön: Durch einen weitmaschigen Bouclé´-Zwischenvorhang sieht man eine zu Barock-Musik von Johann-Jacob Froberger (1616-67) tanzende Gesellschaft. Das elegante Schwarz der Kostüme (Doderer: zum Teil Oscar-verdächtiges Design) auf einem roten Hintergrund, die weich fließenden Bewegungen im fein-zierlichen Klang des Cembalo (Oleg Ptashnikov), das ergibt ein malerisch bewegtes Bild.

Malerisch auch, weil Wieland Müller-Haslinger hier, wie übrigens am gesamten Abend, sein Licht zaubern lässt. Dieses spitzengewirkte Tableau ist verschnitten (insgesamt viermal) mit verschiedenen John-Cage-Musiken. Dazu dann, jeweils vor dem Kräuselvorhang, solistisch gesetzte, hart konturierte Marionetten-Bewegungen. Und die sind eindeutig weniger interessant - was zumindest eine Antwort wäre auf die Frage "Was ist besser?"

Es folgt ein choreographisch eher blasses Männer-Beziehungs-Duo, mit lauernden Nachbarn und zu vermutender böser Nachrede hinter einer milchig-verbergenden Wand. Nicht so ganz "up to date". Immerhin gibt es bei uns schon die Homosexuellen-Ehe.

Danach "Junction"/ "Kreuzung" zu fetzigem Graham Fitkin (vom Band), hübsch-gelungen _ getanzt vom Ensemble wie ein feuriger Blitz an heiß-gewittrigem Sommertag. Ein Stück jedoch von letzter Saison, in unserer Zeitung auch besprochen. Das (auf dem Programmheft prangende) Wort "Uraufführung" ist also ein bisschen getrickst. Na gut, der große William Forsythe in Frankfurt verfährt ja seit Jahren nach gleicher ökonomischer Strategie.

Dafür hat Taylor sich mit seinem "Tanz/ Frage V" in die Hit-Liste der Saison choreographiert. Wenn Courtney Blackwell, eine gerade engagierte kleine Ebenholz-Queen aus der Rasse der Judith Jamison ihr "Black-power"-Tanzcharisma in den Zuschauerraum beamt, weiß man: Taylor war inspiriert. Und dann John Adams' "Halleluja Junction - für zwei Klaviere", live gespielt von Olena Mednik und Oleg Ptashnikov! Da geht die Post ab. Aber nicht zum Billigtarif. Soli, Duette, Trios, Männer-, Frauen- und gemischte Gruppe in einem dichten Vokabular zwischen einer waghalsigen, zu Tanz zugeschliffener Bodenakrobatik und kylianesker Tanz-Kultur.

Und sogar - Rarität bei Taylor - ein höchst sensibler Liebes-Pas-de-deux. Mit Mikiko Arai und Guillaume Hulot (neu engagiert) ein atemlos schöner Augenblick des Innehaltens in jagender Unaufhaltsamkeit von Klang und Bewegung. Zum Weinen der zuckersüße Nachtisch "Tanz VI", diesmal ohne Frage . . . Taylor kehrt hier zurück zur naiven, noch nicht hinterfragenden Kindlichkeit: Auf Zwergen-Hocker gezwungen, entlockt Oleg Ptashnikov einem präpariertem Spielzeug-Piano Cage-Tönchen von 1948, zu denen die Tänzer in knallbuntscheckigen Ganztrikots noch mal die Belanglos-Marionette hüpfen. Verschlanken - und der Abend wird gewinnen.

Noch am 15., 25., 27. April, Tel. 089/ 2185-1960.

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