Fidele Jammerrepublik

- Der Mann hat viele Gründe, unzufrieden zu sein. Für die Karriere seiner Frau gab er seine eigene auf und blieb beim Kind, und nun hat sich Sonja nach 28 Jahren einen Advokaten geangelt, der sie auch anwaltlich gegen den Noch-Ehemann vertritt. Obendrein hat der mit großer Mühe antiautoritär erzogene Sohn die Tochter eines schwäbischen Fabrikanten geheiratet. Und doch kann sich Camphausen alias Richard Rogler freuen, denn "nur wer unglücklich ist, ist produktiv". Jedenfalls in Deutschland. Und deswegen ist sein aktuelles Programm, "Anfang offen", das jetzt im Münchner Hinterhoftheater zu sehen ist, auch so gut.

<P>Die (erdachte) Biografie ein wenig abseits der Norm - für den Kabarettisten seit vielen Jahren die ideale Basis für satirische Scharfschüsse in alle Richtungen. Und Rogler als verspäteter Achtundsechziger lässt nichts aus in seiner gut ausbalancierten Mischung aus latenter Empörung und dem guten Gefühl, die Welt, das Land, die Menschen erklären zu können. Nimmt sich den "neuen (Haus-)Mann" und dessen Putzfimmel vor und die obligatorische Männergruppe, mittels derer er gleich drei Feindbilder an die Wand nagelt - Ärzte, Vermögensberater und Soldaten. Reist nach Sylt und isst "beim Italiener". Überall da waren andere Kabarettisten zwar auch schon, aber nur wenigen gelingt es so brillant und doch so unangestrengt wie dem gebürtigen Franken, diese zu Klischees erstarrten Begriffe mit neuem Leben zu erfüllen.</P><P>So viel Stoff steht diesem Prototyp des eloquenten Losers zur Verfügung, dass es Mühe bereitet, alles unterzubringen. Camphausens Schicksal rundet sich nicht, seine Sonja hat er am Ende aus den Augen verloren. Doch das macht fast gar nichts. Denn Rogler gleicht das aus durch gemeine Analysen des deutschen Wesens, die zum Besten gehören, was derzeit auf hiesigen Kleinkunstbühnen zu sehen und zu hören ist. Sein Zahlenspiel über die Frage, wer de facto arbeitet, seine Abrechnung mit der fidelen Jammerrepublik - wer da nicht lachen mag, dem geht's wirklich schlecht.</P><P>Bis morgen, um 20.30 Uhr, Telefon 089/ 311 60 39<BR></P>

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