Wo Figaro zum Leben erwachte

- Alles Mozart! Ganz Wien dreht sich heuer in diesem Taumel. Mitten in der Ballsaison gab Wolfgang Amadeus' 250. Geburtstag am 27. Jänner den Startschuss zu einem multimedialen Fest, das Musikfreunde und Städtereisende gleichermaßen in Mozarts Bann ziehen will.

Auch wenn er im kleineren, mit Geburtshaus, vielerlei Originalen und Festspielen auftrumpfenden Salzburg das Licht dieser Welt erblickte, reklamiert auch Österreichs Metropole das Genie für sich. Und vergisst darüber fast, dass der Kalender heuer zudem Sigmund Freud, den Vater der Psychoanalyse, mit dem 150. und den Barock-Architekten Fischer von Erlach (Schloss Schönbrunn) mit dem 340. Geburtstag registriert. Mozart toppt sie alle, und eine Wiener Fremdenführerin lächelt sanft: "Er ist bekannter als Jesus."

Im kaiserlichen, aufgeklärten Wien, wohin Mozart 1781 aus dem engen, fürsterzbischöflichen Salzburg geflohen ist, erlebt er eine fruchtbare Schaffenszeit. Von den zwölf Wohnungen, in denen er mit Constanze während der zehn Wiener Jahre lebte, existiert nur noch eine: das "Figaro-Haus", Domgasse 5, das nunmehr, für acht Millionen Euro schick herausgeputzt, "Mozarthaus Vienna" heißt.

Witzige "Peep-Show"

Auch wenn die Stadt nicht über viel originale Hinterlassenschaft verfügt, hat sie das Haus komplett Mozart gewidmet. In der feinen Beletage-Wohnung kann sich der Besucher überlegen, wo wohl das Arbeitszimmer war, in dem "Figaro" zum Opernleben erwachte; wo Haydn als Gast weilte und den ihm gewidmeten Quartetten lauschte; wo man Billard spielte oder wo das Personal schlief. Denn den Mozarts ging's damals gut. Wolfgang verdiente 3000 bis 4000 Gulden im Jahr, ein Volksschullehrer 120-150 und der Kirchenmusiker von St. Stephan nur 25. Auch auf den beiden anderen Etagen warten allerlei Überraschungen: eine Multimedia-Installation, in der Papageno in vier Minuten "Die Zauberflöte" durchflattert, oder eine witzige Rokoko-"Peep-Show", in der die feinen Herren der Mozart-Zeit mit den "Grabennymphen" anbandeln.

Ernsterem widmete sich die Österreichische Nationalbibliothek. Im Prunksaal, umgeben von 200 000 alten Büchern, wurde ein Blick in die Originalpartitur des Requiems mit Mozarts letzten Schriftzeichen zu einem beeindruckenden Erlebnis. Während das Autograph wieder im schützenden Keller verschwunden ist, rüstet die Albertina, unterstützt vom Wiener Da-Ponte-Institut, zu einer großen Schau: "Mozart - Experiment Aufklärung im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts" (17. März bis 20. September).

30 Millionen Euro kostet die Stadt Wien das Mozartjahr 2006. Über 400 Seiten dick ist der Almanach, in dem alle Veranstaltungen aufgelistet sind: von Abenden in der Staatsoper oder dem neu erwachten Theater an der Wien bis zu Lesungen, von Uraufführungen bis zu Symposien, vom Tanztheater bis zum Workshop für die Jugend. Dabei entpuppt sich das Mozartjahr als interessante Plattform fürs Zeitgenössische, für Künstler, die sich mit dem großen Kollegen auseinander setzen und sogar zu der Erkenntnis kommen dürfen: "I hate Mozart" (Ich hasse Mozart). Unter dem Motto "New Crowned Hope" - "Neu gekrönte Hoffnung", so hieß Mozarts Freimaurer-Loge - animiert Peter Sellars im November und Dezember junge Künstler, sich mit Mozart zu beschäftigen. An allen nur möglichen Orten der Stadt wird es spektakeln. Und das komplette sakrale Werk erklingt in Wiens Kirchen.

Per "Calling Mozart" bahnt man sich seinen Mozart-Weg durch Wien: 50 Stelen markieren Orte aus Mozarts Leben, wo der Neugierige vom Audioguide oder mit einem kurzen Anruf vom eigenen Handy aus erfahren kann, was der Komponist ebendort schuf oder erlebte.

Wer bei all dem Mozartrummel dann noch hier ein echtes Wiener Mozart-Eckerl und dort eine falsche Mozartkugel nascht, der schwelgt oder stöhnt und hat auf jeden Fall: Mozart satt.

Infos unter www.WienMozart2006.at

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