In Figaro-Stimmung

- Zwei würdige erste Preisträger brachte der ARD-Wettbewerb im Fach Gesang: Neben der russischen Altistin Marina Prudenskaja, die in Nürnberg engagiert ist, gewann bei den Herren Gérard Kim. Der 29-jährige Bariton stammt aus Südkorea, studierte zunächst in Seoul und wechselte dann als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austausch-Dienstes an die Münchner Musikhochschule.

<P>Hat die Feier nach dem Finale lange gedauert?<BR><BR>Kim: Für mich nicht. Ich wollte nicht mehr, ich war zu müde. Als koreanischer Sänger bei diesem Wettbewerb einen ersten Preis zu erhalten, ist nicht einfach. Ich lobe Gott für diese Ehre.<BR><BR>Warum haben es Koreaner schwerer?<BR><BR>Kim: Ich hatte 18 Musikstücke vorbereitet. Von der Klassik über die Romantik bis zur Moderne, und das in verschiedenen Sprachen. Deutsch ist für mich sehr kompliziert. Mein Lehrer Professor Josef Loibl hat meine Aussprache geschaffen. Vor allem diese vielen Konsonanten, die deutschen Umlaute - o je. Zuvor habe ich mit Wolfgang Brendel gearbeitet, ich singe ja genau im selben Fach wie er. Doch er hat in der ganzen Welt Termine, da war nicht mehr viel Zeit für mich . . .<BR><BR>Und welche Runde war am nervenaufreibendsten? Wirklich das Finale?<BR><BR>Kim: In der ersten musste ich vier Stücke bringen, in der zweiten fünf - inklusive eines zeitgenössischen Werks. Das ist schon Wahnsinn. Im Semifinale kam dann noch die Uraufführung von Mauricio Kagels "Der Turm zu Babel". Gott sei Dank hat meine Frau ein absolutes Gehör und konnte mich bei der Einstudierung unterstützen. Wofür sie fünf Minuten braucht, dafür benötige ich fünf Stunden. Im Finale hatte ich nur zwei Arien, keine auf Deutsch - da ist man irgendwie froh.<BR><BR>Hier sangen Sie Renatos Eifersuchts-Szene aus Verdis "Maskenball" und die Kavatine des Figaro aus Rossinis "Barbier". Welche Figur passt besser zu Ihnen?<BR><BR>Kim (mit Blick auf seine Frau): Sie passen beide, wobei ich die vollständige Renato-Partie erst in vier, fünf Jahren singen will. Figaro ist nur Spaß, Renato ist ein kerniger Soldat. Meine Stimmung ist eher die Figaros. Meine Wunschrollen aber wären Scarpia, Wotan oder Holländer - in zehn bis zwanzig Jahren.<BR><BR>War Sänger immer Ihr Traumberuf?<BR><BR>Kim: Als ich jung war, wollte ich Politiker werden. Ich stamme aus einer musikalischen Familie. Mein Onkel ist Komponist, eines seiner Stücke habe ich auch beim ARD-Wettbewerb gesungen. Mein Cousin ist ein sehr guter Bariton, eine weitere Verwandte Organistin - da sollte ich eben etwas anderes lernen. Aber Politiker war gar nicht meine Richtung. Ich studierte also Gesang, war zwei Jahre im Chor, wo ich meine Frau kennen gelernt habe - und wurde dann für eine Opernpartie vom Seoul National Festival engagiert.<BR><BR>Mit dem ersten Preis winkt die große Karriere: Wollen Sie in Deutschland bleiben?<BR><BR>Kim: Ich lebe seit 2000 hier. Während des Wettbewerbs bin ich auch noch umgezogen, die Zeit war also doppelt anstrengend. Deutschland ist sehr attraktiv, weil es die meisten Opernhäuser hat. Nur hier hat ein Sänger so viele Chancen. Doch der Preis ist auch eine Last: Jeder erwartet nun viel von mir.<BR><BR>So prominent war die Jury noch nie besetzt . . .<BR><BR>Kim: Es war eine Ehre für mich. Schon als Junge habe ich Aufnahmen und Videos von Francisco Araiza besessen. Ich höre auch vieles von Roberto Saccá oder Thomas Quasthoff. Herr Quasthoff sagte nach dem Finale nur zu mir: Vorsicht! Mach' bitte langsam weiter!<BR><BR>Mal ganz ehrlich: Haben Sie mit einem Preis gerechnet?<BR><BR>Kim: Professor Loibl meinte: Wenn Du gut singst, wird's ein zweiter. Und wenn Du sehr gut bist, garantiert ein erster. Das Finale bot eine günstige Konstellation. Tenöre in einem Sängerwettbewerb mag ich nämlich nicht (lacht). Da strengt man sich an, später kommt der Tenor, bringt ein hohes C - und der Bariton ist vergessen.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P><P> </P><P><BR> </P>

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