Wie filigraner Jugendstil

- Schwerwiegend ist die Frage nach Leben und Tod - in der Musik von Sergeij Rachmaninow scheint sie fast ständig präsent, weit hinaus über alle ihr vorgeworfene Salon-Melancholie, als eine existenzielle, bohrende Frage. In einem bejubelten Akademiekonzert haben im Münchner Nationaltheater das Bayerische Staatsorchester und der Dirigent Paavo Järvi daran keinen Zweifel gelassen: Sogar in einem der populärsten "Klassik-zum-Träumen"-Schmachtfetzen, der berühmten Vocalise op. 34 Nr. 14, zitiert Rachmaninow das "Dies irae" der lateinischen Totenmesse. Das Ensemble spielte die Orchesterfassung bei aller Klangsinnlichkeit unsentimental schlank, wie eine filigran ausschwingende Jugendstil-Ranke.

Im dichten Klavier-Orchester-Satz des dritten Klavierkonzerts mochte solche Schlankheit noch schwieriger zu erzielen sein - doch der russische Pianist Alexander Markovich verwirklichte beides überzeugend: einen milden Triumph des Melos, schon im fein phrasierten, behutsam an- und abschwellenden Hauptthema des erstens Satzes, und die pianistisch-virtuosen Parforceritte des Stücks.

Nach der Pause als Hauptwerk des Abends Rachmaninows zweite Symphonie e-moll op. 27. Auch in diesem Koloss setzte Järvi auf ein unpathetisches, impressionistisch klares Musizieren: Der zweite Satz offenbarte sich unter diesem Zugriff als eines der großartigsten Scherzi der gesamten abendländischen Symphonik, voll wilden Schmerzes, nachtdunkler Innigkeit und voller Ausbrüche von Hoffnung.

Solch fiebrigem Zwiespalt stellte sich der Naturlaut des langsamen Satzes mit seiner wunderbar zart gespielten Klarinettenkantilene beruhigend entgegen, bevor sich das Finale zu seiner grotesk-bacchantischen Apotheose aufschwang. Man konnte sich dem nicht entziehen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Popstar Shakira hat am Sonntagabend in der ausverkauften Olympiahalle die Massen zum Ausflippen gebracht. Die Kritik:
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Er hat es wieder getan: Andreas Gabalier hat zum dritten Mal in Folge das ausverkaufte Olympiastadion gerockt. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik vom Samstagabend.
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Tiefe Trauer um den „Guttei“
Nicht nur in der Gemeinde Neubeuern sitzt der Schock tief: Der Chorleiter und begeisterte Dirigent Enoch zu Guttenberg ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Lesen Sie …
Tiefe Trauer um den „Guttei“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.