Filmfest Venedig: Schöne Momente - kaum Überraschungen

- "Erinnerst Du Dich?" Der erste Satz im Episodenfilm "Eros" gibt den Takt vor: Wenn sich das Festival dem Ende zuneigt, beginnt die Stunde der Erinnerung: Kojoten, die im blauen Licht der Nacht in Michael Manns "Collateral" die Fahrbahn kreuzen; die lachende Verzweiflung Emmanuele Devos', als sie in Desplechins "Roy et reine" erfährt, dass ihr Vater sterben wird, das frisch geschiedene Paar, das Franç¸ois Ozon in "5x2" miteinander ins Bett schickt, der Weltpark in Peking ("Shijie"), die starre, noch vom Neorealismus geprägte Leere des Trojanischen Kriegs in der Retrospektive der italienischen B-Movies - es sind kurze magische Momente, in denen ein Film für einen Augenblick innehält und zu schweben beginnt; sie bleiben.

<P>In den letzten Tagen kamen noch einige hinzu. Die besten in Claire Denis' "L'Intrus". Ein filmischer Befreiungsschlag nach all dem Moral-Getue, das die europäischen Beiträge mit Ausnahme Ozons prägte: Sorgfältig porträtiert die Französin das Leben im rauen Schweizer Grenzland. Nachts schleichen die Menschen um die Häuser und in die Träume. Im Zentrum steht Louis, ein älterer Mann, der hier wohnt, den die Suche nach einem neuen Herz und seinem verlorenen Sohn dann aber über Russland und Korea bis auf ein Südseeatoll führt. "L'Intrus" ruft alle Träume des Kolonialzeitalters wach. Eine Übung im "wilden Denken", ein Stück Ethnologie der Seele; von konkreter Sinnlichkeit erfüllt und mit einem grandiosen Michel Subor in der Hauptrolle. Das Herz des Films schlägt in den Bildern, nervös, lauernd, hin- und herspringend wie das Denken, von einem Landschaftsbild zu einem alten Film wechselnd, zwischen Traum und Wachen. Denken im Naturzustand . . .</P><P>Das breite Publikum, auch die Jury, wird "L'Intrus" überfordern, zu hermetisch und rätselhaft, zu anspruchsvoll ist der Film. Aber solche Momente sind es, deretwegen man auf ein Festival fährt. Da macht es einem Kim Ki-duk leichter. Früher hat er die internationalen Festivals kräftig schockiert, ohne dass sich seine an Höhepunkte der europäischen Avantgarde anknüpfenden, provozierenden Bilder in Form von Wettbewerbspreisen auszahlten. Seit kurzem nun ist der koreanische Regiestar zahm geworden und macht poetische Etüden voller Zurückhaltung, ebenso buddhistisch wie französisch angehaucht, mit zarten Satie-Klängen im Off, und siehe da: Die Preise purzeln. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch "Binjip" Erfolg hat, so einmütig brachte diese zarte Liebesgeschichte das Publikum am Lido hinter sich.</P><P>"Eros" und drei Meister des Films</P><P>Eine Ehefrau bricht aus dem Goldenen Käfig ihrer Ehe aus und taucht mit einem sympathischen Einbrecher in den Großstadtdschungel ab. Bis zum Ende sprechen die beiden Hauptfiguren dieser etwas schrägen "Amour fou" kein Wort miteinander, es quasseln immer nur die anderen. "Binjip" lebt von unmittelbarer Wirkung, bei aller Schönheit verblasst er nach ein paar Stunden stärker als Kims andere Filme.</P><P>"Eros", der mit der Erinnerung beginnt und mit ihr aufhört, ist ein Kompilationsfilm. Drei Meister, deren Filmsprachen kaum unterschiedlicher sein könnten und die doch manches verbindet, haben jeweils eine kleine Fingerübung beigesteuert: Mit Wong Kar-wai geht es los. Gong Li spielt eine gefallene, alternde Schönheit. Der einzige Mann, der ihr geblieben ist, ist ihr Schneider. Das Glück werden beide nicht mehr finden. Für den Zuschauer liegt es in den Bildern von Kameramann Christopher Doyle. Ihm gelingt es, der Sprache des Unbewussten und der Erinnerung visuelle Gestalt zu geben. Soderbergh entzieht sich dem Vergleich durch einen Film gewordenen Analytikerwitz. Und der 92-jährige Antonioni kann mit seiner Episode an seine früheren Geniestreiche leider nicht anknüpfen. </P><P>So stark wie lange nicht zeigte sich hingegen Wim Wenders. Vor 33 Jahren, als Antonioni so alt war wie er heute, hatte dieser "Beruf: Reporter" erst vor sich, insofern besteht auch für Wenders noch Hoffnung. "Land of Plenty" ist von solchen Höhen zwar weit entfernt, aber ein Schritt in die richtige Richtung - sein bester Film seit zehn Jahren. Wenders nimmt einen langen Anlauf: Er parallelisiert das Leben einer 20-jährigen Unschuld und ihres ihr unbekannten Onkels, eines ebenso paranoiden wie reaktionären Vietnam-Veteranen in den Slums von L.A. </P><P>Am Anfang wirkt alles zäh, die Dialoge wie Thesenpapiere aus der Volkshochschule. Doch nach einer Stunde schafft es Wenders wieder einmal, einen älteren Mann und junges Mädchen zusammen in ein Auto zu setzen und einfach losfahren zu lassen. Sobald sie die Großstadt hinter sich haben, fällt auch der Mehltau von den Dialogen, die Bilder werden Kino, und man fühlt sich immer wohler. Hauptdarstellerin Michelle Williams hat man schon die ganze Zeit über gern zugesehen. Und am Ende ist zwar die Frage weiterhin unbeantwortet, ob Wenders nicht doch ein besserer Fotograf geworden wäre, doch mit "Land of Plenty" zeigte er einen der guten Filme in einem durchschnittlichen, von Überraschungen fast völlig freien Wettbewerb.</P>

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