Enno Patalas wurde zur Filmmuseums-Legende.

Filmmuseum feiert Jubiläum

Ein Ort der Magie

München - Stars schätzen die kinonarrischen Münchner: Das Filmmuseum feiert sein 50-jähriges Bestehen mit einer Festwoche.

Als es seinen Betrieb aufnahm, damals im Herbst 1963, war es keineswegs unumstritten, ob es so etwas wie ein Filmmuseum tatsächlich braucht. Film, diese flüchtige Kunstform, war damals, im Nachkriegs-Deutschland zumal, zunächst einmal platte Unterhaltung und für manche Soziologen eine potenziell gemeingefährliche Massenmanipulierungswaffe. Glücklicherweise war München seinerzeit progressiver als heute, und so wurde vor einem halben Jahrhundert im Gebäude des Stadtmuseums ein wenig Raum geschaffen für ein Filmmuseum – das erste in Deutschland und gleichzeitig eines der ersten kommunal betriebenen Kinos überhaupt. Junge Menschen, die sich heute auf Smartphones über das Internet immerzu jeden beliebigen Film ansehen können, sind  wohl  kaum  in  der Lage zu  ermessen, was für eine Leistung dieses Museum darstellte.

Unter Leiter Enno Patalas (ab 1973) begann die systematische Erfassung von Filmen und sehr bald auch die Restaurierung. Vor allem Stummfilme wurden vor dem Vergessen bewahrt, denn Zelluloid ist leicht verderblich, und viele Filmklassiker waren nur in bestenfalls lädierten Fassungen verfügbar. Es gibt einige Schätze, die man nur dank der Arbeit des Filmmuseums noch in der Originalfassung sehen kann. Es war freilich nie nur ein Archiv, sondern immer ein lebendiger Ort der Begegnung. Das Publikum konnte dort entdecken, staunen und – auch das – sich bilden. Dabei ist das Filmmuseum, und das könnte sein größter Erfolg sein, immer in Bewegung geblieben, wurde nie selbstzufrieden oder eben museal im schlechten Sinne des Wortes. Die Aufgaben eines Filmmuseums haben sich geändert und mit ihm das Programm.

Ging es anfangs darum, ein Erbe zu bewahren, einen Kanon zu definieren, wurde das mit der Verbreitung von Video und später DVD hinfällig. Wie der aktuelle Leiter des Filmmuseums, Stefan Drößler, sagt: „Heute muss ich im Filmmuseum nicht mehr Fritz Langs ,Metropolis‘ zeigen, das kann man heute in sehr ansprechender Qualität zuhause ansehen. Wir müssen neue Wege gehen.“ Und das hat das Museum getan. Immer schon übrigens. Lange bevor das ein erfolgreiches Geschäftsmodell wurde, hat es Filme mit Live-Musikbegleitung gezeigt. Heute erschließt man neue Felder, würdigt Meister aus obskuren Regionen dieses Planeten oder rehabilitiert verkannte Meister wie Slapstick-Genie Jerry Lewis oder den fast vergessenen Stummfilm-Komiker Max Davidson.

Anders als in anderen Häusern wird im Münchner Filmmuseum täglich gespielt, und es hat, ebenfalls ungewöhnlich, ein Stammpublikum – ein Phänomen, das sich weltweit herumgesprochen hat. Der finnische Regie-Exzentriker Aki Kaurismäki liebt das Filmmuseum. Als er 2004 anlässlich einer Retrospektive beim Filmfest in München war, war es der einzige Kinosaal, den er betrat, um dem Publikum viel Glück zu wünschen beim Betrachten seiner schrägen Dramödien. Sogar bis nach Hollywood drang die Kunde von diesen Münchnern, die es sich leisten, Kino als Kultur zu betrachten, und so kam es, dass irgendwann Mitte der 80er-Jahre Clint Eastwood einflog. Das Filmmuseum würdigte Eastwood – lange bevor das der Rest der Welt tat – als Regisseur, und zum Dank überreichte der Amerikaner ein paar frisch gezogene Kopien seiner Filme als Geschenk. Der filmverrückte Martin Scorsese zwängte sich sogar in den Schnittraum des Museums, um sich dort ungestört die restaurierte Fassung von Reiner Werner Fassbinders „Lola“ ansehen zu können.

Es ist ein Museum, in dem etwas los ist, wo etwas passiert. Folgerichtig nutzen viele Festivals den Saal als Spielort. Und nur hier konnte eine zufällige Begegnung zwischen so gegensätzlichen Genies wie Werner Herzog und Richard Linklater stattfinden. Herzogs Sohn wollte Linklater kennenlernen, und so stellte sich Herzog vor. Linklater konnte sein Glück kaum fassen. In den USA wäre so ein spontanes Treffen ein Ding der Unmöglichkeit. Das Filmmuseum ist ein Platz, an dem sich Magie einstellen kann, ein Ort, an dem sich Kultur, Spaß und Bildung zwanglos verbinden. Es ist ein seltener Glücksfall und ein Haus, auf das München, die Münchner, wirklich stolz sein dürfen.

Von Zoran Gojic

Informationen

zum genauen Festprogramm, das bis 5. Dezember läuft, gibt es unter www.muenchner-stadtmuseum.de.

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