Attraktive Kritik: Zur Eröffnung des Münchner Filmfests 2009 erschien Klaus Lemke mit seinen zwei Hauptdarstellerinnen auf dem Roten Teppich, die klarmachten, dass der Lemke-Film „Schmutziger Süden“ bis dato noch nicht vom Filmfest abgelehnt wurde – weil Lemke damals noch mitten in den Dreharbeiten steckte. foto: schlaf

Filmpreis an Klaus Lemke: „Meine Filme werden lange glänzen“

München - Überraschung: Die Stadt hat den mit 10.000 Euro dotierten Münchner Filmpreis an Klaus Lemke vergeben.

Diese Stadt ist manchmal doch für Überraschungen gut: Regisseur Klaus Lemke erhält den mit 10 000 Euro dotierten Münchner Filmpreis für sein Gesamtwerk, den in den Vorjahren etwa Herbert Achternbusch oder Günter Rohrbach bekommen haben. Diese Entscheidung ist deshalb bemerkenswert, weil die jüngeren Filme des 69-jährigen Lemke in den vergangenen Jahren regelmäßig vom Filmfest München, bei dem die Stadt immerhin Mitgesellschafter ist, abgelehnt wurden. Selbst der vielgelobte Film „Dancing with Devils“, für den der Regisseur Ende des Jahres 2009 mit dem Norddeutschen Filmpreis bedacht wurde, fiel seinerzeit bei den Programmverantwortlichen des Münchner Filmfests gnadenlos durch.

Lemke, der grundsätzlich ohne Drehbuch, ohne Filmförderung und mit Laiendarstellern arbeitet, wurde 1972 mit seiner Kiez-Studie „Rocker“ berühmt. Für „Amore“ gab es 1979 den Grimme-Preis. Heute arbeitet er vor allem fürs Fernsehen, gerade hat er „Schmutziger Süden“ fertiggestellt und ist von den Dreharbeiten zu „3 Kreuze für einen Bestseller“ aus Fuerteventura zurückgekehrt. „Ich kenne niemanden in der Filmbranche, der mit 80 000 Euro Produktionsbudget mehr anfangen könnte als ich“, erklärte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch das Geld des Münchner Filmpreises wird er in seine Arbeit stecken, denn Lemke ist überzeugt: „Der deutsche Film ist in den Siebzigern auf Klassenfahrt hängengeblieben – an dem Tag, an dem Alexander Kluge den Innenminister um Steuergelder zur Filmförderung anging. Seitdem ist der deutsche Film bestenfalls ein mittelmäßiger Dritte-Welt-Walzer.“

Der Filmemacher, der etwa Iris Berben und Wolfgang Fierek entdeckte, ist wohl der kompromissloseste Kritiker der Filmförderung aus Steuergeldern. „Würden wir die abschaffen, wäre Deutschland innerhalb von zwei Jahren das kreativste Filmland Europas und eine echte Konkurrenz für Hollywood“, sagt Lemke. Deshalb dreht er auch konsequent ohne staatliche Unterstützung seine „50-Euro-Filme“: Jeder Mitwirkende erhält pro Tag 50 Euro – egal, ob er hinter oder vor der Kamera arbeitet. „Meine kleinen Filme werden immer noch glänzen, wenn der ganze Industrieschrott im Massengrab allerbester Absichten verrottet ist.“

Nach solchen Sätzen wird eines klar: Die Stadt gibt ihre Auszeichnung keinem pflegeleichten Künstler – und die Preisverleihung im Juli wird sicher keine Schmuseveranstaltung. Glückwunsch also an beide: an Klaus Lemke und an München.

Michael Schleicher

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