Finale mit Pizza-Service

- "Sein Leben lang hatte er vom Glück geträumt, und als es dann endlich so weit war, fragte er nach Geld." Der Satz stammt aus einem Märchen. Das Märchen stammt aus einem modernen Theaterstück. Und das moderne Theaterstück ist der archaischen Fantasie eines jungen Autors mit Namen Jaan Tätte entsprungen.

Der wiederum stammt nicht etwa - wie der Namen vermuten ließe - aus der skurril-imaginären Kaurismäki-Kinowelt, sondern tatsächlich aus Estland. Sein erfolgreichstes Stück "Bungee jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch" hat am Donnerstag im Cuvillié´stheater Premiere. Es spielen Christine Schönfeld, Christian Nickel, Oliver Nägele und Arnulf Schumacher. Regie führt Harald Clemen, der Anfang der 80er-Jahre mit Dieter Dorn und Ernst Wendt zur Regie-Troika der Kammerspiele gehörte.

"Manchmal muss man die Welt aussperren."

Wie kamen Stück und Regisseur zusammen?

Clemen: Man könnte sagen: unter den Vorzeichen des Titels. Dieses heitere, schmerzliche und personenkleine Stück stürzte aus dem vielfältigem Stückhimmel auf uns herunter. Es übte auf mich eine sprunghafte Verführung aus, weil es dem Autor gelungen ist, in einen Mikrokosmos große Themen hineinzuzerren. Der Übermut und die Unverschämtheit, mit der Jaan Tätte über so heikle Thema wie Liebe, Wunder und Vorsehung schreibt, haben mich sofort für das Stück eingenommen.

Die Grenzen zwischen Märchen, sachlicher Romanze und Thriller sind in diesem Stück fließend. Worauf setzen Sie in Ihrer Inszenierung den Akzent?

Clemen: Jaan Tätte erzählt ein archaisches Märchen. Zwei junge Menschen verlaufen sich im Wald, klopfen an ein Häuschen und finden Pappkartons voller Dollarnoten. Natürlich siedelt diese Geschichte im roten Bereich der Glaubwürdigkeit. Ein einsamer Mann glaubt an Wunder, ein Handy klingelt, und zum Schluss kommt der Pizza-Service. Die Geschichte selbst hat sehr schöne kupplerische Fähigkeiten. Tätte ist - wie Tschechow übrigens auch - ein Kuppler. Jenseits der Genregrenzen und Stilebenen bringt er die Leute zum lebensnotwendigen Zusammenspiel.

Wären Sie einverstanden, wenn ich Sie als "konservativen Regisseur" bezeichne? In dem Sinne, dass Sie das Innere einer Geschichte bewahren und ihre Bezüge zur Zeit introvertiert lassen?

Clemen: Ja. Die Wurzel meiner Theaterarbeit sehe ich im psychologischen und wahrhaftigen Zusammenspiel der Figuren. Von außen aufgepfropfte Erkennungssignale interessieren mich nicht so sehr. Meine Konzentration richtet sich auf Blicke, Berührungen und Sprachbewegungen.

Wir hatten verabredet, über Liebe, Märchen und Politik zu sprechen. Stichwort Politik . . .

Clemen: Ich bin sehr froh, in diesen Wochen an einem Theater zu arbeiten, dass seine Anti-Kriegshaltung deutlich nach außen getragen hat. Dennoch war es ein seltsames Gefühl, ein Stück über den Glauben an Wunder zu proben, während andernorts Menschen auf ihre Apokalypse zusteuern. Das sind Momente, in denen man seine Berechtigung, Theater zu machen, schärfen muss. Ich glaube, gerade das Theater hat die Chance, diese Zwischenräume zu beleuchten, zwischen aufgeregtem Machtgetue und gelackter Sweetness. Das Theater kann den Moment zeigen, indem sich jemand den Rotz abwischt, weil er sich nach einer Rede eingestehen muss: Ich habe gelogen. Und trotzdem: Manchmal muss man die Vorhänge zuziehen und die Welt aussperren, um eine Gegenwelt inszenieren zu können.

1992 brachten Sie an den Kammerspielen "Hase, Hase" heraus. Was bedeutet es für Sie, nach elf Jahren Jahren wieder in München zu arbeiten?

Clemen: Ich habe mich gefreut, wieder mit Dieter Dorn an einem Haus arbeiten zu können. Ich führe ein unruhiges Wandertheaterleben. Die Kraft eines Ensembles ist für meine Tätigkeit ganz wesentlich. Im Grunde ist München für meine Theaterarbeit so etwas wie eine Nabelschnur.

Das Gespräch führte Marietta Piekenbrock

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