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Um „Fire and Fury“ reißen sich die Käufer in den Buchhandlungen. In Deutschland kommt die Übersetzung am 19. Februar auf den Markt.

Fire and Fury - ein amerikanisches Sittengemälde

  • Günter Klein
    VonGünter Klein
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Wird sich Michael Wolffs Bilanz des ersten Jahres der Donald-Trump-Regentschaft auch in Deutschland gut verkaufen? Und ob. Die englischprachige Originalversion ist bereits in der Bestsellerliste. Wir haben sie gelesen.

Amerika druckt wie verrückt. In der elften Auflage ist „Fire and Fury“ von Michael Wolff schon, das Buch über das erste Dreivierteljahr von Donald Trump als Präsident der USA, 1,4 Millionen Mal hat es sich seit 5. Januar verkauft.

Es soll am 19. Februar beim Rowohlt Verlag auf Deutsch erscheinen. Doch die Frage, ob „Fire and Fury“ hierzulande laufen wird, ist beantwortet. In der vom Media Control ermittelten Bestsellerliste steigt es diese Woche auf Platz drei ein – in seiner originalen englischsprachigen Version. So etwas hat es nur beim Harry-Potter-Hype gegeben. Damals veranstalteten die Buchhandlungen Verkaufsstartpartys um Mitternacht. „Fire and Fury“ dagegen ist noch immer schwer zu bekommen, selbst Alles-Besorger Amazon vermeldete „derzeit nicht auf Lager“. Aber den modernen Zeiten sei Dank – auf dem elektronischen Lesegerät ist es als E-Book in einer Sekunde. Da steht auch, wie lange man wohl brauchen wird, es zu lesen: achteinhalb Stunden. Tatsächlich dauert es länger, weil man ja mal ein Wort nachschlagen muss, wobei sich der deutschsprachige Leser freut, dass er auf die englischen Wörter „Zeitgeist“, „leitmotif“ und „realpolitik“ trifft.

Bücher, die die USA durchleuchten, finden hier durchaus ihre Leserschaft, vor 16 Jahren war „Stupid white Men“ von Michael Moore angesagt. Er hat es mit seiner Anklage der US-amerikanischen Gesellschaft ehrlich gemeint, zugleich die Lust der Welt bedient, sich daran zu ergötzen, wie dumm die Amis sind. Das ist auch die Stimmungslage, in der Europa dem neuen Präsidenten Donald Trump begegnet.

Und, ja, „Fire and Fury“ versorgt uns mit vielen Details zur Person Trumps. Als Erstes bekannt wurden die süffigen Infos: dass er – noch lange nicht Präsident – es liebte, den Ehefrauen seiner Kumpels nachzustellen, dass er nichts liest, noch nicht mal die genehmigte Biografie über ihn, dass er sich nach dem Einzug ins Weiße Haus darüber beschwerte, die Heizung sei zu warm eingestellt. Oder: Er lässt drei Fernseher flimmern, wenn er sich um halb sieben abends mit einem Cheeseburger ins Bett legt und seinen Freundeskreis, den „Milliardärs-Chor“, abtelefoniert.

„Fire and Fury“ wurde zum Titel des Buches, weil es das war, was Trump Nordkorea androhte („Feuer und Zorn, wie man sie nie zuvor erlebt hat“) – und weil es das Konzept seiner Präsidentschaft ist. Steve Bannon, sein ehemaliger Chefstratege und eine der wesentlichen Quellen Wolffs, hat Trump genau so positioniert. Je inniger ihn die eine Seite, die erzkonservative, verehrt, desto stärker die Ablehnung der anderen. Trump soll polarisieren. Einer der erhellendsten Sätze: Donald J. Trump sei den US-Amerikanern als Kunstfigur bekannt, vergleichbar der des Catchers Hulk Hogan. Sie haben nicht einen Politiker, sondern eine Medienfigur gewählt. Immer wieder fordert Trump seine Leute auf: „Bringt mir Großes.“ Darum interessiert ihn die kleinteilige Politik gar nicht. Er will Wirkung erzielen mit seinen Ansagen. Der Iran ist böse – also sollten Israel, Ägypten, Saudi-Arabien gegen ihn zusammenstehen. Ist doch einfach, oder? „Fire and Fury“ geht aber weit darüber hinaus, nur ein Psychogramm des US-Präsidenten zu zeichnen. Wolffs Buch zeigt auf, wie Politik im Weißen Haus funktioniert und welche Kämpfe die Berater, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, Stabschef Reince Priebus und Bannon, der Scharfmacher, ausfochten. Jeder stach Nachrichten an seine Medien durch – und bezichtigte den anderen, der Maulwurf zu sein. Wie in „House of Cards“.

Die Administration im Weißen Haus, schreibt Wolff, sei zum Glück mit fähigen Leuten besetzt. Doch auch sie müssen für Trump eine Wohlfühlblase schaffen. Nur so ist er kontrollierbar. Wobei, und das überrascht: In seinem beruflichen Umfeld soll Trump mit Frauen gut zurechtkommen, er hält sie für vertrauenswürdiger als Männer. Unter denen ist der Ton rau. Von seinem Außenminister Rex Tillerson wird Trump „verfluchter Trottel“ genannt, Kurzzeit-Kommunikationschef Scaramucci lästert in einem Interview über Steve Bannon „Er lutscht seinen eigenen Schwanz“, Bannon nennt Trump-Tochter Ivanka eine „Bitch“, Trump beklagt sich über einen der hohen Generäle, „dass er mir die Scheiße aus dem Hirn langweilt“. Michael Wolff ist der allwissende Erzähler, dessen szenische Schilderungen manchmal einen Tick zu drehbuchartig wirken, wenn er die Dialoge etwa garniert mit „nahm er einen Schluck Wasser“. Ob sich das alles genau so zugetragen hat?

Auf alle Fälle ist „Fire and Fury“ ein großes Sittengemälde der aktuellen USA, in denen die rechtskonservativen Medien ein lukrativer Geschäftszweig sind. Sie glauben, dass sie Trump geschaffen haben. Trump sieht das aber nicht so: Er ist der Star, sein Erfolg gehört ihm alleine.

Michael Wolff:

„Fire and Fury“. Little Brown, Boston, 336 Seiten; 17,99 Euro.

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