Der Fischer als Philosoph

- Eine Gottheit soll man nicht herausfordern. Und schon gar nicht als ungestümer Satyr. Marsyas hat's aber getan. Hat dummerweise mit dem Gott der Dichtkunst, Apollo höchstpersönlich, um musikalisches Können gewettet. Das Ende vom Lied, ein grausames: Häutung. Der Messerschleifer, die römische Kopie eines hellenistischen Originals aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., kniet schon vor dem Hängenden, blickt stumpf auf sein Opfer. Und wir, wir stehen zwischen den Gipsabgüssen im Lichthof des Münchner Hauses der Kulturinstitute und sehen fünfmal auf unterschiedlich nuancierte Körperhaltungen: auf angespannte Muskulatur und Todesangst, den Klimmzug als verzweifelter Versuch, sich dem Schicksal zu entwinden, oder auf hängende Arme als Ausdruck von Selbstaufgabe.

<P>Mit der Ausstellung "Phantasia in Gips" hat das Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke München - eine der vier größten Abguss-Sammlungen in Deutschland - und das Institut für Klassische Archäologie der LMU München Abgüsse der berühmtesten Denkmäler der griechischen und römischen Antike vereint. Hier kann man sehen lernen; ganz in der Tradition der Sehschule für den studierenden Künstler, den Lehrer oder Forscher im Antikensaal. Eine Schau, die dem frisch emeritierten Professor Paul Zanker, dem ehemaligen Direktor der Sammlung, gewidmet ist. In fünf Rubriken hat man "Phantasia in Gips" gegliedert. Die Themen Körperbilder, Zeitsprünge, Experimente, Oberflächen und Perspektiven erklären plastisch die Frage, wozu überhaupt Gipsabgüsse? Ganz gleich, ob der riesige, überlebensgroße Herakles Farnese auf unserem Niveau im lässigen Kontrapost steht, ob der attische Komödiendichter Menander von seinem eineinhalb Meter hohen Sockel im Dionysos-Theater von Athen erhaben Blickkontakt mit uns sucht oder ob die zweieinhalb Meter hohe Nike von Samothrake mit ihrem flatternden Gewand gegen den Wind kämpft und von der See auf uns zuzufahren scheint - man bekommt allemal ein lebendiges Gespür für die Wirkung antiker Skulpturen im Kontext ihrer Aufstellungsorte, so wie er vor allem in der hellenistischen Zeit üblich war.</P><P>Eindrucksvoll ist es auch, Aufschluss über die Schwankungen bei der Darstellung idealer Frauen- oder Männerkörper und über den Formenkanon der Gesten zu erhalten, die Palette von nackt, androgyn, üppig und ver- und enthüllender Gewandung zu erleben. Und neben der Diskussion, ob alter Fischer oder sterbender Philosoph Seneca, zeigen sich an diesen Skulpturen deutlich die Vorteile des weißen Abgusses gegenüber der mühevoll rekonstruierten Originalfarbe des schwarzen Marmors: Die glatte, weiße Oberfläche verleiht den Falten, der Mimik sowie dem Bartwuchs des alten Mannes eine gänzlich andere Plastizität.</P><P>Da kann man es mit Antikenforscher Johann Joachim Winckelmann halten, der 1811 den Vorteil eines Gipsabgusses besonders darin sah, dass er dem ungeübten Auge das Urbild reiner zeigt, als es in der Natur gesehen wird.<BR><BR>Bis 4. 10., werktags 10-17 Uhr, Meiserstraße 10, Tel.: 089/289 27.</P>

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