Flaggen der Zeitgeschichte

- Visionen von der Schönheit des Alltags, Innovationen der Technik - das ist Design. Dazu kommen die Moden der Jahrzehnte, schrille Farben, elegante Formen, nationale Besonderheiten. Dies alles ist jetzt in einer funkelnden, ästhetischen Schau im Neuen Museum Nürnberg zusammengefasst. 30 führende Institutionen der Welt reagierten auf die Einladung der Neuen Sammlung München (die ja auch für Nürnberg verantwortlich ist) und schickten ihre absoluten Highlights.

<P>München selbst entsandte den Inbegriff des Sportwagens, den bestechend stromlinienförmigen Jaguar E-Type 1961. Daneben Meilensteine des Möbeldesigns aus dem Bauhaus, Computerdesign, Skurriles, Klassisches, Futuristisches. Was die Museen von New York bis Tel Aviv ausgesucht haben, sind Flaggen der Zeit-, Landes- und Kunstgeschichte.</P><P>Mit dieser ersten internationalen Begegnung will Florian Hufnagel von der Neuen Sammlung einen Auftakt geben zu einer Zusammenarbeit, die das Design international besser positionieren soll. In gewohnt publikumswirksamer Manier inszeniert er sein Vorhaben: Die Kultobjekte scheinen auf glänzenden Liegen im Saal locker zu relaxen, jedem sein eigener kleiner Thron.</P><P>Der Beginn der Moderne ist schlicht, schwarz, zurückhaltend und funktionell: Gent hat Henry van der Veldes Klavierbank von 1902 ausgeliehen. Aus Prag kamen wenige Jahre später kubistische, futuristische Impulse, in Deutschland arbeitet die Avantgarde an der Bauhaus-Maxime der Funktionalität. Walter Gropius' Zeitschriftenablage, Ludwig Mies van der Rohes Ledersessel, schließlich Marcel Breuers erster Lattenstuhl spiegeln die 20er-Jahre und ihre kühl-eckigen Formen wider, die Jahrzehnte maßgeblich waren.</P><P>Kontrastpunkt ist dazu der Pariser Chic: Pierre Chareaus Stehlampe (1923), eine elegante schwarze Säule mit Alabasterplatten, ist die Ikone des Art Deco. Mitten unter diesen Klassikern ein Betonblock aus New York: Es ist die Hommage an Frank Lloyd Wright, der erstmals das "Unmaterial" zur Dekoration benutzte.</P><P>Locker verstreut machen die Skandinavier schließlich ihren Einfluss geltend: Erik Gunnar Asplund, Alvar Aalto dürfen in diesem Reigen der Stardesigner nicht fehlen. Und dabei wird klar, wie früh die Vorreiter unserer Kultur ihre Entwicklungen machten: Paul Henningsen revolutionierte schon 1930 die Musikwelt mit einem Konzertflügel aus Acrylglas. Den kühlen Köpfen des Nordens setzten erst Jahre später die poppigen Erfindungen der 60er-Jahre einiges entgegen. Vorläufig noch ganz gemütlich mit dem roten, einladend liegenden Männchen von Oliver Mourgue (Paris). Mailand gedenkt mit dem schachtelbaren Sitz-Rollensystem von Joe Colombo der WG-Kultur der späten 60er-Jahre.</P><P>Das Wandern durch die lasziv verteilten, illustren Gäste wird jäh von einem Leuchttisch unterbrochen: Kyoto läutet mit Shiro Kuramata eine neue, technischere Ära 1969 ein. Und ab hier ist dann spätestens Pluralismus angesagt. Ein knallig bunter Embryo-Stuhl (Marc Newson, 1988, Sydney), eine krakenförmige, zartseidene Lampe (Alaya Serfaty, 1996, Tel Aviv), eine ökologische Grasbank (Jurgen Bey, 1999, Utrecht) oder ein fragiler Sturm-Stuhl aus Einzellatten (Stephen Richards, 2000, London) sind Zeugen des sich immer schneller wandelnden Zeitgeists. Dass die Zusammenfassung auf so kleinem Raum in lockerem Stil und dazu noch ohne didaktischen Zeigefinger gelingt, ist typisch Design.</P><P>Bis 23. November. Tel. 0911/ 24 02 00. Katalog: 24,50 Euro.<BR><BR></P>

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