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Letzten Endes wollen wir doch alle ein bisschen fliegen: Szene aus Andreas Kriegenburgs komischem, poetischem, zärtlichem Abend.

Flanieren in Amors Garten

München - Andreas Kriegenburg inszenierte in den Münchner Kammerspielen die Uraufführung seines Projekts „Alles nur der Liebe wegen“. Ein Blick auf das Stück. 

Über die Liebe wurde nun wirklich alles gesagt, geschrieben, gesungen. Stimmt. Doch wer an der Seite von Andreas Kriegenburg und seinen acht wunderbaren Schauspielern durch Amors Garten flaniert, wird Bekanntes neu entdecken, sicher Geglaubtes infrage stellen und – möglicherweise – ein bisschen verstehen.

„Alles nur der Liebe wegen“ nennt der Regisseur sein Theaterprojekt, dessen Uraufführung jetzt an den Münchner Kammerspielen gefeiert wurde. „Wie eine Exkursion durch eine fremde Stadt“, fasst Kriegenburg seinen gut drei Stunden langen Abend zusammen. Für diesen hat er sich eine hochherrschaftliche, nicht konkreter verortete Halle (Museum? Schloss?) mit Säulen aus rosa Marmor und zwei weißen Flügeltüren im Hintergrund auf die Bühne des Schauspielhauses gebaut. Hier treten nun in Miniaturen die acht Schauspieler in diversen Rollen auf. Sie agieren mit- und nebeneinander; die kurzen Szenen laufen parallel oder gehen fließend ineinander über.

Gefühl für Dramaturgie und Tempo

Kriegenburg hat Gefühl für Dramaturgie und Tempo. Unangestrengt verwoben wird der Abend von einer Idee, die sich der Regisseur bei Filmemacher Wim Wenders geborgt hat: In dessen „Der Himmel über Berlin“ (1987) besitzen die Engel Damiel und Cassiel die Gabe, die Gedanken der Menschen zu hören – im Kino sind das Off-Kommentare. Bei Kriegenburg nun bewegt sich Stefan Merki zwischen den Protagonisten, ein kleines Mikrofon ist an seiner Wange befestigt. Neigt er den Kopf zu einer Figur, hört der Zuschauer über Lautsprecher, was der jeweilige Schauspieler leise vor sich hinmurmelte. Es ist ein einfacher Theater-Kniff, der jedoch wirkt – selbst wenn akustisch nicht alles einwandfrei ist.

Das Sehnen, Bangen und Denken der Menschen, die wir auf der Bühne erleben, dreht sich stets um Ähnliches: um den Wunsch, der Einsamkeit zu entfliehen; um die Sorge, dem geliebten Gegenüber nicht zu genügen; um die Angst, verletzt zu werden. Da spielt Walter Hess einen alten Mann, der Woche für Woche donnerstags um zwölf auf seine Geliebte wartet. Seit 32 Jahren gibt dieser Liebende die Hoffnung nicht auf – eine Treue, die schmerzt. Dann wieder karikiert das Ensemble lustvoll den Anbandel-Basar beim Speed-Dating. Doch selbst bei komischen, krachenden Szenen wie dieser (später wird Merki mit holländischem Showmaster-Akzent Umarmungen, Lächeln und Komplimente unter den Zuschauern verlosen), hüten sich Kriegenburg und seine Schauspieler, in den Klamauk abzurutschen. Das ist eine schwierige Gratwanderung, doch sie gelingt. Oft verschwimmen in dieser Inszenierung elegant die Übergänge zwischen melancholischen und komischen Augenblicken. Gerade noch träumte sich Sylvana Krappatsch sehnsüchtig zum wundervoll entrückten „Walzer Für Niemand“ der Schweizer Jazz-Sängerin Sophie Hunger an die Schultern eines stattlichen Partners. Plötzlich steht das ganze Ensemble auf der Bühne und startet in eine pubertäre Tanzstunde.

In einer anderen berückenden Szene ist erneut Krappatsch zu erleben, die gedankenverloren nach und nach ihren gesamten Körper einer kritischen Betrachtung unterzieht: Fremder kann diese Frau sich selbst nicht sein. Doch geschickt setzt Kriegenburg nun einen Kontrapunkt und lässt Edmund Telgenkämper unaufdringliche, feine Liebeserklärungen für jede gescholtene Stelle ihres Leibs finden. Schließlich wäre alles so einfach, wenn es nicht so verdammt kompliziert wäre mit der Liebe.

Und eben weil diese so alles umfassend wie unfassbar ist, ist dieser Abend voller Melancholie und Hoffnung, voller Komik, Zärtlichkeit und Schönheit, voller Sorgen, Träumereien und Poesie. Ein Abend wie das Leben. Denn letzten Endes wollen wir alle nur ein bisschen fliegen – selbst wenn es dafür Hilfskonstruktionen braucht. Großer Jubel für Ensemble und Regisseur.

Nächste Vorstellungen

am 7., 11., 17., 25., 31. 12.; Karten unter der Telefonnummer 089/ 233 966 00.

Die Besetzung

Regie & Bühne: Andreas Kriegenburg.

Kostüme: Andrea Schraad.

Darsteller: Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Oliver Mallison, Stefan Merki, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper.

Die Handlung

An diesem Abend dreht sich alles um die Sehnsucht nach Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe.

Von Michael Schleicher

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