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Vergnügungssüchtig: Eisenstein (Daniel Fiolka) und Rosalinde (Heike Susanne Daum).

„Fledermaus“ am Gärtnerplatz: Nur ein bisserl Irritation

München - Sex-Appeal, vertraute Kalauer und eine neue Leit-Figur: Ulrich Peters inszenierte die „Fledermaus“ am Münchner  Gärtnerplatztheater.

Orlofsky lockt mit verführerischem Dekolletee, sexy Figur und sinnlich-sattem Mezzo-Sound. Doch wenn ihm die Wiener Galane – Eisenstein, Frank & Co. – zu nahe kommen, herrscht ein Adjutant die drei an: „Er ist ein Prinz!“ Und kokettiert selbst eifrig weiter mit dem eleganten, schillernden Wesen, dessen Motto Franziska Rabl mit erotischem Ton und der rechten Prise Langeweile verkündet: „Chacun à son gout“ – jeder nach seinem Geschmack.

Ein bisserl Irritation darf sein, aber auf den Kopf gestellt wird Johann Strauß’ „Fledermaus“ am Münchner Gärtnerplatztheater, wo sie am Donnerstag Premiere feierte, nicht. Denn Hausherr Ulrich Peters hat sich selbst in den Regiesessel gesetzt und inszeniert das Schmäh-Meisterstück brav nach dem Bücherl. Abgesehen von ein paar fragwürdigen Ausrutschern. Er bebildert schon die Ouvertüre mit Orlofskys Palais, wo die Lakaien eilfertig wuseln, lässt den Adjutanten mit Prinz(essin?) Orlofsky tanzen und sich dann zum Diener im Hause Eisenstein verwandeln.

Dort wirkt die vom Regisseur dazu erfundene Leit-Figur besonders überflüssig. Denn die Dramaturgie des Stücks funktioniert so geschmiert, dass es keinen Spielmacher, Kommentator oder Besserwisser braucht. Erst im dritten Akt findet er als wichtiger Handlungsträger seinen Platz: als Frosch im Gefängnis. Der schlaksige Thomas Peters stolpert dort kauzig herum, bedient das Publikum mit wohlvertrauten Kalauern und hat auch bei tagesaktuellen Extempores die Steuerzahler lachend auf seiner Seite. Sogar dann, wenn es um die armen, schlecht verdienenden Tenöre am Gärtnerplatz geht… Unterbeschäftigt ist der „Star-Tenor“ der „Fledermaus“ – Robert Sellier erlöst ihn nach wackligem Einsatz aus dem Off zu lyrischen Schmeichel-Tönen – in dieser Inszenierung jedenfalls nicht.

Der Regisseur lässt Sellier in der Rolle des Alfred beim ersten Auftritt aus dem Graben klettern und dann gleich gar nicht mehr von der Bühne. Ein unnötiges Versteckspiel unterm Tisch, hinter Säulen und Bildern beginnt und schafft nur zusätzliche Unruhe. Die braucht man im munteren Hause Eisenstein allerdings nicht. Zumal dann nicht, wenn Daniel Fiolka als Hausherr mit Gattin, Stubenmädchen und Advokat die Szene belebt. Außerdem: Warum nur lässt der Regisseur sich von Herbert Buckmiller die Bühne zu Beginn mit lästigen Fenstern und einer Terrassentür verbauen?

Ist der Blick endlich frei, steht den Vergnügungssüchtigen der vorletzten Jahrhundertwende nichts mehr im Weg: Fiolka füllt als Wiener Bonvivant mit entsprechendem Schmelz in der Bariton-Stimme die Bühne, kneift das Hausmädchen, vertröstet die Gattin und freut sich diebisch auf den Ball und die „Ratten“ vom Ballett.

Die einem kleinen Flirt nicht abgeneigte Rosalinde stattet Heike Susanne Daum mit raumgreifendem, höhensicherem Sopran aus und genießt das Turteln mit Alfred genauso wie das Spiel mit dem untreuen Gatten. Der wird als unverbesserlicher Schwerenöter von seinem Freund Dr. Falke, den Einspringer Torsten Frisch spontan und souverän übernahm, ordentlich an der Nase herumgeführt. Als kecke, nie überdrehte Adele mit blitzendem Koloratur-Gezwitscher erobert Sibylla Duffe nicht nur die Wiener Herrenwelt. Auch das Münchner Premierenpublikum jubelte ihr zu und hegte – wie der sächsisch-behäbige Gefängnisdirektor Frank (Dirk Lohr) – nicht den geringsten Zweifel an ihrer theatralischen Begabung.

Dass es auf Orlofskys Faschingsfest, auf der hübschen, eisernen Empore, den Freitreppen oder im Garten (Bühne: Herbert Buckmiller) turbulent zugeht, dafür sorgen sämtliche Mitwirkenden: neben den Solisten der anfangs aufg’maschelte, nach reichlichem Champagner-Genuss dann – was die Kostüme betrifft – leicht derangierte Chor und das Ballett. Zudem erscheinen Jacques Offenbach und Johann Strauß als Überraschungs-Gäste, denen mit schmissigem Cancan („Pariser Leben“) und flotter Polka („Ohne Sorgen“) gehuldigt wird (Choreografie: Fiona Copley). Natürlich auch vom Orchester. Andreas Kowalewitz stand am Pult und ließ deutlich heraushören, dass er bei den Proben gute Vorarbeit geleistet hat.

Manches klang (vor allem in der Ouvertüre) noch verhalten, sauber buchstabiert. Der freie Atem, das Ungezwungene, Lässige, Spritzige, das Strauß bei aller Akkuratesse verträgt, stellte sich noch nicht rundum ein. Doch da das musikalische Fundament steht, wird die Champagner-Laune auch den Dirigenten anstecken und noch für moussierenden „Fledermaus“-Charme am Gärtnerplatz sorgen. Vielleicht sogar schon vor Silvester…

Gabriele Luster

Nächste Vorstellungen: 6., 8., 31.12. sowie 6., 8., 13.1.; Telefon 089/ 2185-1960.

Die Besetzung

Dirigent: Andreas Kowalewitz.

Regie: Ulrich Peters.

Bühne: Herbert Buckmiller.

Kostüme: Götz Lanzelot Fischer.

Choreografie: Fiona Copley.

Chor: Inna Batyuk.

Darsteller: Daniel Fiolka (Eisenstein), Heike Susanne Daum (Rosalinde), Dirk Lohr (Frank), Franziska Rabl (Orlowsky), Robert Sellier (Alfred), Torsten Frisch (Falke), Cornel Frey (Blind), Sibylla Duffe (Adele), Ulrike Dostal (Ida), Thomas Peters (Frosch).

Die Handlung

Eisenstein, der wegen eines Steuerdelikts ins Gefängnis soll, wird von Notar Falke zum Faschingsfest beim Prinzen Orlofsky eingeladen. Statt seiner buchtet Gefängnisdirektor Frank den plötzlich aufgetauchten Alfred, einen alten Galan Rosalindes, ein und geht auch zum Fest. Stubenmädchen Adele taucht dort in der Robe ihrer Herrschaft auf und verdreht ihrem Herrn den Kopf. Rosalinde erscheint als ungarische Gräfin und luchst ihrem untreuen Gatten sein Ührchen ab. Am Morgen treffen sich alle im Gefängnis, und Falke hat seine Rache: Einst wurde er im volltrunkenen Zustand und im Fledermaus-Kostüm von Eisenstein auf freier Straße ausgesetzt.

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