Fleisch, Lust und Tod

- Zum 150. Geburtstag: Den Ostpreußen Lovis Corinth verband viel mit München und Bayern.

"In München gab es nicht nur die meisten Maler, sondern auch die besten. Die Akademie war nächst Paris die berühmteste in der ganzen Welt. Alle Landsmannschaften waren dort vertreten, und so pilgerte auch ich 1880 als zweiundzwanzigjähriger Ostpreuße nach München." Lovis Corinth, an dessen 150. Geburtstag heute zu erinnern ist, erzählte als etablierter Künstler in autobiografischen Texten über seine Anfänge. München spielte gerade zu Beginn seiner Karriere eine einschneidende Rolle.

Der Künstler durchschritt eine extreme ästhetische Spanne: vom soliden, dunkeltonigen Realismus bis zu den hellen, Strich-wirbelnden, fast abstrakten Walchensee-Bildern. Der Sohn eines Gerbermeisters in Tapiau hatte in Königsberg Malerei zu studieren begonnen und ließ sich in München zunächst vom Leibl-Kreis inspirieren. Auch die Aufenthalte in Antwerpen, Paris und Berlin machten aus ihm keinen Revoluzzer. Er blieb gediegen. Erst der erneute München-Besuch - er blieb von 1891 bis 1901 - brachte einen Schub in Richtung Impressionismus. Was die freie, fröhliche Pinselführung angeht. Corinth war aber insofern Realist, als er nichts schönte oder gar veredelte. Ob im antiken Mythos, ob in der Bibel, bei Lovis Corinth tauchen stinknormale Menschen auf, die er mit Lust an der Satire gern überzeichnet. Das Expressive, ja eine bühnenwirksame Inszenierung waren ihm nicht fremd. Etwa in seiner "Salome", ein dekadentes Hürchen, die in morbider Gier das Augenlid Johannes des Täufers hochzieht - obwohl sie doch nur seinen abgeschlagenen Kopf vor sich hat. Das Bild, wie andere nun in der Leipziger Corinth-Würdigung zu sehen, war von der Münchner Secession (Erinnerungs-Schau jetzt in der Villa Stuck) für eine Ausstellung abgelehnt worden, weil der Maler sich von der Gruppe abgewandt hatte. 1893 war er noch dort vertreten gewesen.

In diesen Jahren entstanden auch zwei hochberühmte Werke, die im Münchner Lenbachhaus beheimatet sind. Sein "Selbstbildnis mit Skelett" (1896) und "Die Logenbrüder" (1899). Corinth hatte diese Freimaurerloge selbst mitbegründet. An beiden Gemälden merkt man, dass die Malerei nicht mehr so "parfümiert" ist wie bei "Salome", dass aber die Fleischlichkeit eine enorme Rolle spielt. Fleisch, ganz wörtlich genommen - man denke an die Schlachthaus-Arbeiten -, war zur malerischen Herausforderung geworden - und zum Symbol für Leben und Tod. Die feisten Männer, das Nahrungsmittel-Aas und schließlich das Gerippe - mit denen steckte Lovis Corinth dröhnend, lustvoll und sarkastisch die Wirklichkeit ab.

Durch seinen Freund Walter Leistikow wurde er immer mehr mit Berlin vertraut und übersiedelte 1901. Zwei Jahre später heiratete er Charlotte Berend. Corinth gehörte nun in den Kreis der deutschen Impressionisten, aber die verstörende Fleischlichkeit löste sich nicht in heiteren Lichtspielen auf. 1911 holte sie ihn drastisch ein. Ein Schlaganfall machte ihm, der sich einst so siegessicher neben dem aufgehängten Skelett gezeigt hatte, die Hinfälligkeit alles Seins existenziell bewusst. Ein Selbstporträt an der Staffelei von 1914 zeigt ihn mager, dem Betrachter todernst in die Augen blickend. Im Nachhinein mag man das als prophetisch betrachten, denn der Erste Weltkrieg drohte. Tief aufwühlende Werke schienen sich aus der wütenden Faust des Malers zu entwinden: wie zum Beispiel der erschütternde "Rote Christus" (Neue Pinakothek). Überhaupt entstanden in dieser Zeit Arbeiten mit religiösen Themen, die an die Grundfesten des menschlichen Seins rühren.

Ab 1919 kam Lovis Corinth immer wieder nach Oberbayern; ließ sich in Urfeld am Walchensee nieder. Wunderbare, kühne Landschaften entstehen bis zu seinem Tod am 17. Juli 1925 (im holländischen Zandvoort). Ein Jahr vorher schuf er am Walchensee auch ein Selbstbildnis (Neue Pinakothek). Der Maler in Aktion und Zentrum eines Landschaftsbildes: Lovis Corinth als Schöpfer, Geschöpf und Teil der Natur.

Werke in München,

Neue Pinakothek und Lenbachhaus, www.merkur.de/zeljko

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