Das Fleisch schmilzt dahin

- Die Halbzeit-Zäsur von Münchens Dance 2002 setzte jetzt im lothringer 13/halle der Franzose Alain Buffard mit einer Körper-Zerlegungs-Performance. Man kennt diese "Tanzform" spätestens seit 1991/92 von Meg Stuart und Xavier LeRoy, beide immer auch gesellschaftskritisch, und von der Kanadierin Linda Godreau, die rein bildnerisch arbeitet. Etwas unentschlossen dazwischen liegt Buffard mit seinem Solo, in dem er ein "Good Boy" (Titel) sein will.

Vielleicht zieht er sich deshalb, nach Exposition seines Gesamtleibes, frontal und im Profil - Kopf dabei "vergittert" hinter hängenden Neon-Stäben, - eine Unterhose nach der anderen an. <BR><BR>Wirklich überzeugend "good" (auch wenn sehr an Godreau erinnernd) die anschließende Sequenz am Boden, in der dieser straffe Körper sinkend seine Konturen aufgibt, das haarlos-glatte Fleisch langsam hinschmilzt auf die kühle Fläche, und aus der aufgeweichten Muskelmasse sich schon gleich hart konturiert ein gewinkelter Arm herausformt - verfremdet zum gleichschenkligen Dreieck, zum flappigen, lurchigen Flügel. <BR><BR>Von der Amphibie wieder zurück in den Aufrechtgang - auch transvestitisch auf selbst per Klebeband verabreichten hohen Hacken -, bei dem Buffard mittels schnell reibender Bewegung über Schenkel, Torso und kräftiges Tätscheln der Achselhöhle klatschende, schnalzende Laute gebiert. Mit nochmals in vielen Schichten übergezogenem Herren-Dessous mutiert Buffard zum Windel-guten "Baby Boy" in Donald-Duck`schen Ballettschrittchen. <BR><BR>Buffard, der in seiner Ausbildungsvita Koryphäen wie unter anderem die US-Größen Alwin Nikolais, Viola Farber, Anna Halprin verzeichnen kann, beherrscht das Performance-Metier, von den eingespielten Atmo-Musiken bis zu den (selbst geschalteten) kleinen Tragbarlampen. Zu hoffen, dass sein Gruppenstück "Dispositifs 3.1", heute und morgen in der Muffathalle, noch eine Spur mehr künstlerisches Eigenprofil zeigt. <BR><BR>

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