Fleischeslust und Wundschmerz

- Reverenz vor den alten Meistern auch in der Pinakothek der Moderne, auch von einer jungen Britin, die allerdings nicht den Pinsel schwingt, sondern fotografiert. Erinnert da nicht die schöne Nackte vor dem kleinen Spiegel, die uns den Rücken zuwendet, an Velá´zquez' Sinnenlust und malerisches Raffinement? Oder der hingestreckte schöne Jüngling, dessen schlaffer Arm vom Sofa herabgerutscht ist, nicht an einen Todesschlaf in Caravaggios Manier? Sam Taylor-Woods Serie "Soliloquy" (Selbstgespräch) von 1998 gab der gerade eröffneten Wechselausstellung mit Arbeiten von Tracey Moffatt, Rineke Dijkstra und eben Taylor-Wood den Namen.

<P></P><P>Die Kunst-Abteilung der Münchner PDM baut eine Sammlung zeitgenössischer Fotografie auf und lädt mit dieser Schau die Besucher ein, an diesem Wachstumsprozess teilzunehmen. Werke aus eigenem Besitz werden mit Exponaten des Freundeskreises PIN, der Sammlung Goetz und von anderen privaten Leihgebern ergänzt; quasi als Zielvorgabe für die Collection des Staates. </P><P>Alle drei Künstlerinnen setzen den Menschen ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Die Niederländerin Rineke Dijkstra (Jahrgang 1959), von der auch im Video-Raum ein Film läuft, beschäftigt sich mit Jugendlichen. Das Zwischenstadium vom Kind zum Erwachsenen bewegt die Künstlerin. Dieser Lebensunsicherheit spürt sie in Fotos zwischen Dokumentation und Inszenierung genauer und humaner nach als im Video, das die jungen Menschen zu sehr dem Spott des Betrachters preisgibt. Weitaus weniger dezent kommt die Australierin Tracey Moffatt (Jahrgang 1960) zur Sache.</P><P>Sie stammt von Aborigines ab und wuchs bei weißen Pflegeeltern auf. Ihre Jugendlichen sind "Fürs Leben gezeichnet" - von der offenen Gewalt, dem unterschwelligen Psychoterror, der täglichen Gleichgültigkeit der Erwachsenen. Moffatt legt Wunden bloß. Die dokumentarische Haltung ist nur mehr Gestus; jedes Foto ist in Wirklichkeit das kurze Alarmsignal einer langen traurigen Geschichte. Noch erzählerischer, leidenschaftlicher und klug verrätselt ist die 25-teilige Arbeit "Up in Sky" (1997) über die furchtbaren Seelenleichen, die die Weißen aus den Ureinwohnern gemacht haben.</P><P>Daneben sind die elegant formulierten und zum Teil kunsthistorisch überhöhten Fotos von Taylor-Wood (Jahrgang 1967) nur scheinbar eine Erholung, denn sie offenbaren fiese Abgründe. Die Britin spielt virtuos mit Melancholie und Ironie, klappt Räume fotografisch auf - und damit öfters auch die Gefühlsschablonen unserer Zivilisation.</P><P> Bis 30. März im Raum Temporär 1; Falt-Karton zum Sammeln 3,50 Euro.</P>

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