Fliegende Beamte und bunte Helden

- Blick zurück - sicher nicht im Zorn. Münchens Museen, Galerien und Ausstellungshallen legten sich sehr ins Zeug, um nicht nur Vielfältiges, sondern auch Spannendes zu bieten. Das üppige ABC-Angebot, das wir gewöhnt waren, wird es in Zukunft, in Zeiten der Spar-Zwänge, wohl so nicht mehr geben. Also ein etwas wehmütiger, zweiter Teil unseres Kultur-Rückblicks, dieses Mal aufs Kunst-Jahr 2003.

<P>Architektonisch  gab es - neben zu vielen lieblos zusammengestöpselten Büro-Kisten - auch allerhand Erfreuliches in der Stadt. Die Fünf Höfe an der Theatinerstraße wurden komplett eröffnet (März) und zeigten, dass Herzog & de Meuron Kühle mit Verspieltheit kombinieren können.<BR><BR>Eine Herzensfreude, dass die Allerheiligen-Hofkirche (Mai) endlich wieder zugänglich ist, ein warmer, neoromanischer Bau von Klenze; daneben ein lauschiger Hortus conclusus.</P><P>Blickpunkte hieß die Ausstellung (Februar), mit der sich die Neue Sammlung, Design-Museum, aus ihren alten Räumen an der Prinzregentenstraße verabschiedete, um endgültig in die Pinakothek der Moderne überzusiedeln. Die Plakate aus dem Jahr 1926 bewiesen, welch exzellente Reklame-Kunst es damals gab.</P><P>Calderara, Antonio, ist einer jener vergessenen Künstler, deren Können eigentlich unvergesslich sein sollte. Die Graphische Sammlung erinnerte in der PDM an dessen Werk der Zartheit (März). Am gleichen Ort begeisterte Cy Twombly (Oktober) mit einer großen Schau sensibler Werke zwischen Versponnenheit und Farblust.</P><P>Dokumentationszentrum: Mit einem umfangreichen Symposion-Programm (Januar) versuchte die Stadt, solch ein Haus über München in der NS-Zeit zu initiieren. Kommune und Staat zeigten sich zunächst einig, jetzt sind sie wegen der Besetzung diverser Gremien zerstritten. Kleinkrämer gefährden das Projekt.<BR><BR>Wenigstens war ab Ende April der zweite Teil der vollkommen überarbeiteten, sehr gut gemachten Dauerausstellung in der Gedenkstätte KZ Dachau zugänglich.</P><P>Eliasson, Olafur, der heuer Dänemark auf der Biennale von Venedig vertrat, schuf für den Kunstbau des Lenbachhauses eine atemberaubende Licht-Installation (März), die sich über die 100 Meter lange Wand hinzog. Ein so vielfältiges Leuchten spielte sich da ab, dass man seinen Augen kaum trauen mochte. Zum Glück konnte die Arbeit durch einen Mäzen angekauft werden und wird von Zeit zu Zeit gezeigt.</P><P>Fotografie nimmt in der Kunst einen immer größeren Stellenwert ein. An die Ursprünge dieses Mediums ging die Schau im Fotomuseum des Stadtmuseums mit der Foto-Sammlung der Wiener Albertina.</P><P>Genzken, Isa, bekam den renommierten Internationalen Kunstpreis der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München zugesprochen. Ihre ironischen Objekte zwischen Architektur, Skulptur und Heimwerker-Bastelei waren in "Soziale Fassaden" zu sehen (Juni, Lenbachhaus).<BR><BR>"Grotesk" war die erste große Ausstellung des Neuen im Haus der Kunst, Chris Dercon, eine Übernahme von Frankfurt: gute Idee, schwache optische Umsetzung.</P><P>Heidi ist auch ein Globalisierungsphänomen - obwohl es doch ein so bodenständiges Schweizer Maidli ist. Das Alpine Museum forschte ihr nach (April). <BR><BR>Mit dem Stärksten der Starken, mit Herakles, präsentierten sich die Antikensammlungen am Königsplatz nach einer Asbest-Sanierung (ab Juni). Aufregende, auch lustige Abenteuer vor allem auf Vasen in einer jetzt sehr viel ansprechenderen Umgebung als früher. Und der etruskische Schmuck erst!</P><P>Islam, ein Thema, das erregt. Das Völkerkundemuseum sprach ein differenziertes Wörtchen mit: Der Besucher konnte vorurteilsfrei von dieser Kunst und Kultur lernen (April, bis Juni '04).</P><P>Jugendstilmuseum: Obwohl München einen speziellen Stil dieser internationalen Richtung ausgeprägt hat, gibt es noch keine Ausstellungsstätte dafür. Im Museum Villa Stuck soll es entstehen. Noch wird die Künstler-Residenz restauriert: Die Erfolge dieser delikaten Arbeit wurden im September präsentiert.<BR><BR>Johann Georg von Dillis war im Königreich Bayern von Ludwig I. ein viel beschäftigter Mann, musste er doch die herrscherlichen Sammlungen verwalten. Zur eigenen künstlerischen Arbeit kam er kaum noch. Verblüffend in diesem Zusammenhang seine Tausende von Wolken-Zeichnungen (Lenbachhaus, September): Da fliegt ein Staatsbeamter zum Himmel - und wirft enormen Ballast ab, den die damalige Kunstszene aufgehäuft hatte.</P><P>Klee, Paul, einer der singulären großen Figuren der Kunstgeschichte. Verfemt von den Nazis. Wie er 1933 erlebte und was er in diesem Jahr zeichnete, schilderte eine beeindruckende Schau im Lenbachhaus (Februar). Immer wieder erfreut der Kunstraum mit frisch gepflückten Positionen der Kunst seine Besucher, während man um den Kunstverein wirklich Sorge haben muss. Die Verantwortlich müssen endlich die Agonie beenden und sich um eine neue Leitung kümmern, bevor diese traditionsreiche Institution verendet.</P><P>Loriot wurde 80 - und landauf, landab gefeiert. Edelste Weihen erhielt Vicco von Bülow mit einer Ausstellung in der Akademie der Schönen Künste in der Münchner Residenz (bis 25. Januar '04), die nicht nur den Zeichner, sondern auch den Filmemacher ehrt.<BR>Die Künstlerwerkstatt lothringer13 profilierte sich mit einem zeitgenössischen Programm, das den Alltag in der Kunst und die Kunst im Alltag - oft skurril - aufspürt.</P><P>München in der NS-Zeit: Diese Abteilung des Stadtmuseums konnte endlich im Juni eingeweiht werden. Die historische Schau war durch aufgeplusterte Bedenkenträgerei von Oberbürgermeister Christian Ude und Kulturreferentin Lydia Hartl um ein Jahr verzögert worden. Das Ergebnis beweist, wie läppisch die Einwände waren. Die Präsentation ist informativ, abwechslungsreich und in die schmale Halle gut eingefügt.<BR><BR>Murnau zeigt F.W: Murnau: Das Schlossmuseum beschäftigte sich mit der Bild- und Denkwelt des Stummfilmregisseurs - und demonstrierte, wie sehr sich seine Werke an bildender Kunst orientieren.</P><P>Neue Pinakothek: Sie erlebte ihr 150-jähriges Bestehen (Oktober), auch wenn ihr ursprüngliches Gebäude von den Bomben des Zweiten Weltkriegs zerfetzt wurde. Die Sammlung von Gainsborough bis Gauguin hat überlebt, wächst und wurde mit fröhlichem Impetus neu gehängt. Gut, dass die spezielle Note der Sammlung - Ludwig I. als Groß-Gönner, Rottmann-Saal mit Griechenland-Gemälden - klar herausgearbeitet wurde.</P><P>Öffentlicher Raum: In München zuckt man zusammen, wenn der Begriff fällt. Denn das gut gedachte und solide finanzierte Konzept für Kunst im ö. R. wurde zur Qual für Beteiligte und Zuschauer. Kulturreferentin Lydia Hartl ließ es - bewusst oder aus Schusseligkeit ? - absterben. Wer als Verantwortlicher insbesondere in Zeiten der Geldknappheit Summen einfach verfallen lässt, sollte vom Amt zurücktreten oder vom OB dazu veranlasst werden. Eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Pflichten und der Kunst ist kaum zu fassen. Das Aussitzen der Politiker und die Lethargie der "Opfer" darf diesen schlimmen Fehler nicht vergessen machen.</P><P>Piloty, Karl von, war ein Meister der Historien-Malerei - im 19. Jahrhundert eine höchst angesehene Gattung. Heute fällt es schwer, die "Schinken" zu genießen. Die aufschlussreiche Schau in der Neuen Pinakothek (April) brachte uns den Schöpfer von Thusnelda oder Wallenstein wieder näher.</P><P>Qualität beweist sich durchaus nicht im Üppigen, Attraktiven, Großen oder gar Spektakulären. Das Kleine, Unauffällige, fast Unsichtbare kann, mit optischer Weisheit eingesetzt, ganze Räume verwandeln. Zu sehen in den Sälen und im obersten Stock der Rotunde der PDM, die der im Januar verstorbene Fred Sandback nur mit aufgespannten Fäden zu einem zarten Zauberreich gemacht hat.</P><P>Rudolf Wachters Holzskulpturen, die sich aus dem Herz des Stamms, aus dem Leben der Fasern entwickeln, prägten die Hypo-Kunsthalle so nachdrücklich (September), dass man - natürlich nur beinahe - darin bloß noch Plastiken sehen möchte.</P><P>Spitzweg, Carl, ein Genuss im Haus der Kunst, noch von dem scheidenden Christoph Vitali angeregt (Januar). Idyllen mit Abgründigkeiten, das war die Spezialität des Münchner Apothekers und Malers.<BR><BR>Das Architekturmuseum in der PDM inszenierte zum 200. von Gottfried Semper eine hervorragende Präsentation, die überdies wissenschaftlich auf dem neuesten Stand war (Juni). Ein Erlebnis nicht nur für Architektur-Fans.<BR><BR>Tuymans, Luc, mittlerweile hoch gehandelter Maler, zeigte hauchzart nuancierte, sich quasi farblich verflüchtigende Gemälde in der PDM (Juni).</P><P>Utopia - mit dieser Plakat-Ausstellung knüpfte das Haus der Kunst an ein internationales Projekt an (Biennale von Venedig), spannend war die optisch lasche Schau aber gerade nicht.</P><P>Verkehrsmuseum: Das Deutsche Museum feierte üppig 100. Geburtstag. Höhepunkt war die Eröffnung (Mai) des "Ablegers" auf der Theresienhöhe. Dort ist der erste Abschnitt eines umfassenden Museums des Verkehrs eingeweiht worden. Die herrliche alte Messehalle bietet ein imposantes Ambiente für Ski bis Automobil.</P><P>"Wagners</P>

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