News-Ticker zum Barcelona-Terror: Zahl der Todesopfer auf 15 gestiegen

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Fliegender Kleiderwechsel

München - Der Körper! In unserer Fit- und Wellness-Gesellschaft, wo auch immer öfter das Messer des Schönheits-Chirurgen zum Einsatz kommt, hat der Körper einen hohen Stellenwert erhalten. Für den Tänzer ist er darüber hinaus sein künstlerisches Instrument, das viele Tanzarten zum Klingen bringen will.

Besonders wieder einmal in der Ballettfestwoche im Münchner Nationaltheater, die einen Bogen schlägt vom zaristisch-klassischen Ballett bis zum Suchen & Versuchen der freien Szene.

Gleich schon im Auftakt-Dreiteiler werden die Staatsballett-Tänzer morgen Abend in den beiden - einen älteren Hans van Manen umrahmenden - Uraufführungen mit für sie unbekannten Handschriften konfrontiert: "Violakonzert /II" des Mainzer Ballettchefs Martin Schläpfer schreibt die Neoklassik auf sehr eigenwillige Weise fort. Das Gruppenstück "Cambio d' abito" ("Kleiderwechsel") des freischaffenden Italieners Simone Sandroni ist experimentell zeitgenössisch.

Wie um Himmels Willen schafft man den fliegenden Wechsel zwischen so vielen Stilen? Kräftemäßig und im Kopf? "Dafür sind wir Tänzer geworden. Dafür proben wir", sagt gelassen Solist Norbert Graf, den man als charakterstarken Interpreten (ultra)moderner Werke kennt. Dennoch: Der hier schon öfter als Gast gesehene Sandroni, Extänzer des wilden Belgiers Wim Vandekeybus, verlangt (von seiner eigenen Compagnie zumindest), dass Hochspringen, Stürzen und zu Boden Rollen einen widerstandslos gleitenden Bewegungsfluss erzeugen. Irre schwer für klassisch ausgebildete Tänzer. Vom sechsten Lebensjahr bis zum Bühnenabschied trainieren sie die ästhetische Streckung, diese aristokratisch hochgezogene Silhouette: Bauch flach, Nacken und Rücken auf einer ungebrochenen senkrechten Linie. Und jetzt sollen sie können, was Metier des Stuntman ist, des Judo- und Karatekämpfers?

Norbert Graf hält dagegen: "Sandroni gibt uns Hilfen. Zum Beispiel, dass der ganze Körper involviert ist. Dass man mit Verlagerung des Gewichtes arbeiten muss, und so, dass es nicht gegen den Körper geht." Sofort wird er von seiner Frau, der Solistin Valentina Divina, unterstützt: "Er hat einfach eine tolle ,Release-Technik. Ich hätte gerne länger mit ihm gearbeitet. Das ist ja, was uns interessiert: etwas Neues zu lernen, weiterzukommen."

Die beiden haben selbst schon choreographiert. Umso verständlicher, dass sie ebenso begeistert sind von Sandronis Ansatz, Choreographie "entstehen" zu lassen. Graf: "Er schöpft aus den Persönlichkeiten der Tänzer und lässt uns selbst aus dem eigenen Körper Bewegungen finden. Das ist befriedigend, weil einem diese Bewegungen natürlich kommen. Als Anreiz dazu gibt er uns Themen oder besser: bestimmte Bewegungsmuster. Aber er hat sehr konkrete Vorstellungen von dem Stück, modelliert und bringt am Ende alles in Form."

Doch wie funktioniert dieses "entstehen lassen"? Divina: "Aus einer einfachen Haltung, aus einer Situationen. Zwei Personen stehen sich gegenüber. Es entwickelt sich ein Gefühl. Und aus dem Gefühl eine Geschichte, und daraus das Stück. Sandroni ist gar nicht so abstrakt. Er arbeitet auf Inhaltliches hin, ist gefühlsbetont".

Genau da findet sich dann doch eine Verbindung zu Schläpfer, der zwar traditionell als alleiniger Schöpfer seiner Ballette verantwortlich zeichnet, aber eben auch auf der Suche nach dem Gefühl ist - und zwar in der neoklassischen Form selbst. Beim Probenbesuch befindet sich die erste Solistin Lucia Lacarra in einer verschrägten Arabesque vor Cyril Pierre. Dazu bemerkt Choreograph Schläpfer: "Lucia ist zwar mit dem Gesicht nach vorne gewendet, aber das Bein nach hinten sucht schon den Kontakt zu Cyril. Ich finde das sehr erotisch." Dann stellt er, zwischen Bewegungsidee, Verwerfen und mehrmals Korrigieren, eine kleine neue Sequenz. Dass Schläpfer auch auf Persönlichkeit und technische Möglichkeiten hinchoreographiert, wird deutlich: Die grandios biegsame Lacarra schraubt sich aus einer Kopfüber-Position wieder senkrecht und verschmilzt am Ende, beider Arme kompliziert verschlungen, mit dem Partner zu einer körperlichen Einheit. Da ist man doch gespannt auf das komplette Werk für rund 40 Tänzer.

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