Fliegerbombe mahnt

- Das Bombardement von Bagdad live übertragen - und die Welt hält den Atem an. Das Herz der Leipziger Frühjahrsbuchmesse aber pulsiert kräftiger denn je. Es ist nicht auf Anhieb offensichtlich, dass soeben der Bush-Krieg begonnen hat. An den Ständen der Verlage herrscht bunter Trubel wie immer. Das, was Leipzig vor Frankfurt auszeichnet, ist die Unmittelbarkeit des Kontakts zwischen Autoren, Buchmachern und Lesern.

<P> Überall sind Leseforen, Diskussionsrunden, Autorentreffs, Hörzentren eingerichtet. Und auf dem so genannten Blauen Sofa in der Glashalle gibt es alle halbe Stunde ein Interview. Schriftsteller jeder Couleur - von Michel Houellebecq bis zu den Klitschko-Brüdern, von Doris Dörrie bis zu Lilo Wanders, von Großstadtsumpfpoeten Ahne bis zu Günter Grass.<BR><BR>Dass derzeit Beunruhigendes passiert, Krieg, der das westliche Ordnungsgefüge der Welt ins Wanken zu bringen droht, wird einem hier erst auf den zweiten Blick bewusst. Irgendwo in den Hallen sind Fernseher aufgestellt, die Besucher machen Halt, sehen die aktuellen Nachrichten, bevor sie sich wieder der Belletristik, den Comic- und Fantasyständen, den Hör- oder Sachbüchern, der Antiquariatsabteilung oder der Buchkunst zuwenden.<BR><BR>Es gab jedoch zwei markante Absagen am ersten Messetag: Die eine kam von Doris Schröder-Köpf, die für ihr Buch "Der Kanzler wohnt im Swimmingpool" ein bisschen trommeln wollte. Auch sie sollte daher auf dem Blauen Sofa Platz nehmen zum Interview und darüber hinaus eine Pressekonferenz am Stand des Droemer Verlages geben. Der andere, der nicht kam, war Innenminister Otto Schily . . .<BR><BR>Es ist auf dieser Leipziger Buchmesse im Zeichen des Krieges der Münchner Piper Verlag, an dem niemand vorbei kommt, ohne nicht auf die Realität gestoßen zu werden. Da prangen spektakulär und herausfordernd die neuen Titel in den Regalen: "Weltmacht USA - ein Nachruf" von Emmanuel Todd sowie "Stupid White Men" von Michael Moore, ein Buch, das sich binnen kurzem 500 000-mal in Deutschland verkauft hat. Ansonsten spielt sich auf der Messe alles im üblichen literarischen oder auch trivialen Rahmen ab. Literatur ist nun einmal ein langwieriger Prozess. Und wer mehr am schnellen Geld interessiert ist, der wird wegen des begonnenen Krieges seine Projekte nicht zurückhalten. </P><P>Das tut auch nicht der Verlag Rütten & Loening, der, vermutlich auf den so genannten Bohlen-Effekt spekulierend, gerade die Lebensbeichte des Stefan Effenberg, "Ich hab's allen gezeigt", herausgebracht hat.<BR><BR>In einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Laute Bücher" wollten Börsenverein und Messe der Frage nachgehen: Skandal, Event, Inszenierung - Literaturvermarktung ohne Grenzen? Die Grenzen setzte an diesem Tag die Buchmesse sich selbst: keine gemeinsame Aktion der Diskutanten geschweige denn der Aussteller, keine Erklärung, kein erkennbarer Wille zu einer Übereinkunft, die ihre Haltung zum Irak-Krieg dokumentieren würde.<BR><BR>Dort allerdings, wo die junge Generation vertreten ist, wo sich die Kunsthochschulen Sachsens und Sachsen-Anhalts zur Schau stellen mit ihrer Buch- und Plakatkunst, sind die aktuellen politischen Ereignisse präsent. Burg Giebichenstein etwa - das ist die renommierte Hochschule für Kunst und Design Halle - hat eine Plakatwand zum Thema Bush, USA und Irak gestaltet: scharf, intelligent, wirkungsvoll, doch im allgemeinen Messe-Trubel wohl nicht gerade übermäßig beachtet. </P><P>Am Donnerstagabend aber, während noch auf dem Messegelände in einer MDR-Gala der Deutsche Bücherpreis an Peter Härtling für sein Lebenswerk verliehen wurde und an Henning Mankell dafür, dass er derzeit der meist gelesene Autor ist, an diesem Abend machten die Leipziger indes ihrem ruhmreichen Ruf alle Ehre: Treffpunkt Nikolaikirche; 40 000 Bürger demonstrierten friedlich gegen den Krieg.</P><P>Davor jedoch führte in dieser Stadt schon einmal der Zufall seine makabre Regie: Ein großer Teil der zur Buchmesse anreisenden Besucher geriet in einen gewaltigen Stau. Die Hauptzufahrtsstraße zum Messegelände war gesperrt. Bei Bauarbeiten hatte man eine amerikanische Fünf-Zentner-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, sie musste entschärft werden. </P>

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