Flink gemeisterte Sprung-Schikanen

- Man ahnt ja nicht, wie schwer Igor Strawinskys "Petruschka"-Suite - eine Klavierbearbeitung dreier Stücke aus dem entsprechenden Ballett - wirklich ist, wenn man es nicht gesehen hat. Im Januar konnte man Boris Berezovsky bei der Arbeit an dem sperrigen Ding bestaunen, jetzt legte Jewgenij Kissin seine Interpretation vor und sorgte dabei für einige Verblüffung bei den versammelten Klavierfreunden. So geschmeidig und flink, so mühelos in den Sprung-Schikanen und temporeich im Finale dürfte man den Zyklus wohl noch nie gehört haben. Das Publikum tobte.

In den folgenden Zugaben, unter anderem einem klug gesteigerten cis-moll-Scherzo von Frédéric Chopin und einer ungemein effizienten Tschaikowsky-Transkription von Earl Wild - rieb man sich die Hände und wollte (immer) mehr. Nach fünf Stücken ging das Saallicht an. Vor Strawinskys "Petruschka"-Spektakel wurde Nikolaj Medtners herzzerreißend schöne, aber so gut wie nie gespielte "Sonata reminiscenza" op. 38/1 geboten. Manch einer kannte und schätzte vielleicht den blechig aufgenommenen Live-Mitschnitt des Stückes mit Emil Gilels, dem damit eine fast schon klassische Medtner-Darstellung gelang, aber Kissins langsamere, quasi im Erzählton vorgetragene Alternative blieb im Vergleich durchaus konkurrenzfähig und ließ hinsichtlich klanglicher und expressiver Wärme wenig zu wünschen übrig.<BR><BR>In der ersten Konzerthälfte stand Chopin auf dem Programm. Die vier Impromptus wurden durchweg in weiches Licht getaucht und ließen in ihrer Rubato-Seligkeit und Cantabile-Vernarrtheit alte Vorbilder erkennen; und auch in der Polonaisen-Auswahl wurde dem Sanften und Runden gehuldigt - abgesehen vom abschließenden op. 53, das mit festlichem Schwung und erstaunlichem Oktaven-Brio in Angriff genommen wurde und dementsprechende Applaus-Konsequenzen nach sich zog. <BR>

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