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Mensch trifft Maschine in  „Étude for an Emergency“ an den Münchner Kammerspielen. 

Interview mit Choreografin Florentina Holzinger zu „Étude for an Emergency“

Florentina Holzingers Crash-Tests in den Kammerspielen

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Vormittags, 10 Uhr, in den Münchner Kammerspielen. Gleich beginnen die Proben, zuvor nimmt sich Florentina Holzinger Zeit für ein Gespräch. 1986 in Wien geboren, inszeniert die Choreografin erstmals an einem Stadttheater. „Étude for an Emergency“ wird am Sonntag, 1. März, uraufgeführt. Es ist eine „musikalische Studie für zehn Körper und ein Auto“.

Ein Auto? Eh klar, denn wenn jemand einen Pkw zum Tanzen bringen kann, ist es die herrlich unerschrockene Holzinger.

Fahren Sie gerne Auto?

Florentina Holzinger: Ich bin Radfahrerin. Aber auf der Bühne fahre ich gerne Auto.

Schauen Sie dann eher auf PS-Zahl oder auf Optik?

Florentina Holzinger: Ich glaube, ich bin eher der PS-Typ.

Aber Sie arbeiten doch mit einem Opel Corsa!

Florentina Holzinger: Na ja, wir konnten uns leider nicht das ur-schicke Teil leisten. Es ging sich halt nur ein Corsa aus. Wir haben ihn vom Schrottplatz – und da gab es viele Opel Corsa.

In der Ankündigung der Kammerspiele heißt es „Was Stunts in Actionfilmen sind, kann die Arie in der Oper sein“.

Florentina Holzinger: Ursprünglich wollten wir an einer Stunt-Oper arbeiten. Davon haben wir uns aber etwas entfernt, da ich festgestellt habe, dass ich mich mit der Oper noch nicht gut genug auskenne – und sie mich vermutlich auch nicht so sehr interessiert. Ich arbeite zwar mit klassisch ausgebildeten Sängerinnen, aber die gestalten vor allem Soundeffekte für Actionszenen. Klassische Musik wird ja gerne als Soundtrack genutzt. Konkret wird es um die Darstellung von Tod gehen – im Film oder auf der Bühne.

Gibt es da Unterschiede?

Florentina Holzinger: In der Oper singen die Figuren ihre Arie und kippen dann um. Stuntleute bei Actionfilmen zelebrieren das Sterben viel länger, spielen die Szenen aus. Wir machen es noch exzessiver: Wir wiederholen und wiederholen. Eine Étude eben.

In Ihren Arbeiten trifft oft totes Material wie Metall auf den bloßen menschlichen Körper. Was reizt Sie an diesem Wechselspiel?

Florentina Holzinger: Es ging uns tatsächlich darum, das Auto als Mitspieler auf der Bühne zu integrieren. Das ist doch unsere Lebensrealität: Dass wir mehr und mehr eins werden – oder auch: werden müssen – mit der Technik. Die wirkt fast schon natürlich. Daher ist es für mich logisch, das Auto als Tänzerin zu betrachten und neben den anderen Körpern existieren zu lassen, hierarchisch gleichgestellt.

Tanzt der Corsa benzinbetrieben?

Florentina Holzinger: Ach, da gibt es Regeln, und deshalb darf man das auf der Bühne nicht machen. Das deutsche Theater ist in dieser Hinsicht ein Gefängnis. (Lacht.)

Das klingt, als hätten Sie viel Zeit darauf verwendet, Paragrafen zu studieren, um zu sehen, was erlaubt ist und was nicht...

Florentina Holzinger: Auf jeden Fall. Sorry, aber da verstehe ich dann auch, warum Stadttheater so ausschaut, wie es ausschaut – dabei sind die Kammerspiele sicher noch am progressivsten. Im traditionellen Theater ist ein Auto ja maximal ein Requisit, das unberührt im Hintergrund stehen und gut aussehen soll. Aber für uns ist es wichtig, mit dem Material zu interagieren, ihm eine Körperlichkeit zu geben.

Wenn man Stuntleuten bei der Arbeit zuschaut, stellt man fest, wie streng die Bewegungsabläufe festgelegt sind – um das Unplanbare planbar zu machen. Erlaubt ein
solches Korsett überhaupt Kreativität?

Florentina Holzinger: Genau das interessiert mich. Ein Stunt ist ein sehr choreografischer Ablauf: Wie wird der Körper inszeniert? Wie wird mit Illusion umgegangen? Deshalb finde ich das Stunttraining auch spannender als das Resultat im Film.

Das ist ein sehr sportlicher Ansatz.

Florentina Holzinger: Natürlich auch das, ja. Das ist vergleichbar mit der Art Tanz, die mich interessiert: dem actionreicheren. (Lacht.) Letztlich ist es das, was wir machen: die Körper im Training studieren. Die Szenen zeigen ein ganz realistisches Exerzieren von Leibern in Extremsituationen, das später in einem Actionfilm aber der Illusion dient.

Interessiert es Sie überhaupt, eine Geschichte zu erzählen?

Florentina Holzinger: Ich interessiere mich nicht für ein Narrativ. Mir geht es um den Körper in Übung – aber auch der erzählt etwas, auch der entwickelt sich. Und das ist mir genug an Geschichte.

Ist das der Grund, warum die Tänzerinnen nackt sind – um die Arbeit der Körper wie in einer anatomischen Studie wissenschaftlich betrachten zu können?

Florentina Holzinger: Ich denke schon, ja. Wir haben uns zur Vorbereitung viele Crash-Tests angeschaut – es geht genau um diese Laborsituation. Je mehr man den Körper auf seine Körperlichkeit reduzieren kann und alles andere wegnimmt, desto mehr kann man auch dem Experiment zuschauen.

Wie ist es, zum ersten Mal in den Strukturen eines Stadttheaters zu arbeiten?

Florentina Holzinger: Anspruchsvoll.

Warum?

Florentina Holzinger: Es soll nicht undankbar klingen, aber ich kannte diese Arbeitskonditionen aus der freien Szene bislang nicht. Insofern trifft der Stücktitel zu: Der Abend ist eine Étude, eine Übung – auch für mich: wie ich mit der Arbeitsweise eines Stadttheaters zurechtkomme. (Lacht.)

In Berichten über Sie findet sich häufig das Wort „Grenzgängerin“. Nervt Sie das?

Florentina Holzinger: Nein, das deprimiert mich nur. Denn wenn ich eine „Grenzgängerin“ bin, heißt das, dass vieles andere einfach sehr zach ist.

Sehen Sie sich selbst als Grenzgängerin?

Florentina Holzinger: Eigentlich nicht. Ich bin immer wieder erstaunt, wie langweilig das eigentlich ist, was ich mache.

Trotzdem scheint eine Mehrheit der Zuschauer Ihre Arbeit als Grenzen überschreitend wahrzunehmen.

Florentina Holzinger: Für den Tanzbereich trifft das sicher zu. Ich will gerne Dinge zeigen, die Otto Normalverbraucher nicht so häufig sieht. Das Theater ist für mich ein Ort des Experiments – und ein Experiment ist eben etwas, das man zum ersten Mal macht. Ich mag kein Wiederholungstheater – ich möchte Neues entdecken. Und wenn das etwas mit Grenzgang zu tun hat: okay!

Was muss eine Tänzerin mitbringen, um bei Ihnen mitmachen zu können?

Florentina Holzinger: Spaß daran, den Körper in Situationen zu bringen, die ihm möglicherweise fremd sind.

Wann ist die Inszenierung für Sie ein Erfolg?

Florentina Holzinger: Wenn’s den Performerinnen Spaß macht. Es ist gut, wenn’s denen taugt.

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