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Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“: Das ist das Buch des Jahres!

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Von: Katja Kraft

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Der Bestsellerautor Florian Illies
Genau recherchiert hat Florian Illies für seinen Roman erneut. © Gregor Fischer

Florian Illies landete mit „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ einen Welterfolg. Nun ist sein brillantes Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ bei S. Fischer erschienen. Über die Liebesirrungen und -wirrungen der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Fest! Unsere Buchkritik.

Wenn man heute durch Sanary-sur-Mer spaziert, dieses niedliche Örtchen an der Côte d’Azur, dann spürt man sie noch. Die besondere Aura, die in der Luft liegt. Sie umflattert die Fähnchen an den Masten der bunten Boote im Hafen, sie liegt im Duft der Pinien und Zypressen. Thomas Mann hat sie gefühlt. Seine Frau Katia. Die Kinder Erika und Klaus. Bertolt Brecht auch und Egon Erwin Kisch oder Stefan Zweig.

Etliche haben zwischen 1933 und 1940 Zuflucht gefunden in Sanary-sur-Mer. Die Gedenktafel am Tourismusbüro erinnert schnörkellos daran. Florian Illies aber, der brillante literarische Zum-Leben-Erwecker vergangener Zeiten, Florian Illies lässt uns dieses „kühnste Gemeinschaftsemigrationsprojekt der deutschen Literaturgeschichte“ erleben. In seinem neuen Roman „Liebe in Zeiten des Hasses“ nimmt er uns auch immer wieder mit an diesen verzauberten Ort an der azurblauen Küste. Wo die Exilanten sich bemühten, nicht unentwegt an die Abscheulichkeiten daheim in Deutschland zu denken. Nicht daran zu verzweifeln. Für einen trügerischen Sommer lang.

Filmszene aus „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich
Marlene Dietrich im Film „Der blaue Engel“ – auch ihr Liebesleben beleuchtet Florian Illies in seinem Buch. © dpa

Wie in seinem Welterfolg „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ springt der Autor auch hier von einem Schauplatz zum anderen, von einem Liebespaar zum nächsten. Von einem Bett ins andere. Der Untertitel gibt die Richtung vor: „Chronik eines Gefühls 1929-1939“. Man spricht ja immer von dem „Tanz auf dem Vulkan“, den die Europäer, die Deutschen, die Berliner, in den Zwanzigern getanzt haben. Wer wissen will, wie heiß das Lava tatsächlich war, durch das sie da mit nackten Füßen und Leibern gehüpft sind, der lese dieses Buch. Mit trockenem Witz zeichnet Illies ein kurzweiliges Generationenporträt. Herrje, war das damals ein Vergnügen. Und oh je, wie ist es geendet.

Florian Illies hat wieder aufwändig recherchiert - und alles kernig in Worte gefasst

Man kann nur erahnen, wie umfangreich die Recherche des Autors war. Was hat er da wieder für Anekdoten aufgestöbert, welche teilweise unfassbaren Zitate gesammelt. Und das alles so klug und kernig in Worte gefasst. Obwohl der 50-Jährige etliche Fäden aufnimmt, verheddert er sich nie. Könnte einem ja allzu leicht passieren bei dieser Thematik. Lakonisch kommentiert Illies an einer Stelle: „Nein, die Liebesverhältnisse in den Dreißigerjahren werden einfach nicht übersichtlicher.“ Da wurde betrogen und gelogen, gelitten und gestritten, versöhnt und gestöhnt. „Was die Menschen der Zwanzigerjahre dringend gebraucht hätten, war Liebe (oder wenigstens Therapeuten). Was sie bekamen, waren Aufputschmittel“, analysiert Florian Illies treffend.

Filmszene aus „Henry and June“ mit Fred Ward und Maria de Medeiros. Der Film ist inspiriert von Anaïs Nin. Auch sie ist Thema in Florian Illies’ Buch.
Die Liebe ist ein seltsames Spiel: Szene aus „Henry and June“ mit Fred Ward und Maria de Medeiros. Der Film ist inspiriert von Anaïs Nin. Auch sie ist Thema in Florian Illies’ Buch. © ullstein bild - United Archives

Picasso bucht seine Geliebte Marie-Thérèse im Urlaub immer ein paar Meter weiter im Hotel ein. Und wechselt nachmittags vom Strandkorb, in dem seine Frau Olga und Sohn Paolo sitzen, zum Handtuch von Marie-Thérèse. Oder Lee Miller und Edward Steichen: „Als sie am Gare du Nord in den Zug steigen, ist sie seine Schülerin, als sie im Abteil sitzen, wird sie sein Modell, als sie in Biarritz ankommen, seine Geliebte.“ Drei Sätze – und alles gesagt.

Man schmeckt beim Lesen von Florian Illies Buch den Champagner, der damals sprudelte

„Es gibt Ehen“, so zitiert Illies Thomas Mann, „deren Entstehung sich auch die belletristisch geübteste Phantasie nicht vorstellen kann.“ Man könnte auch sagen: Das Leben schreibt die schweinischsten Geschichten. Da behaupte noch mal einer, Geschichte sei langweilig. Hier schmeckt man allein durchs Lesen den Champagner, der sprudelte, spürt den Schauer, der über diverse Rücken (und andere Körperteile) lief. Doch erfasst bei all dem Spaß auch immer das Drama, das dahinterliegt. Sie zogen an den Glimmstängeln ihres Lebens, saugten und saugten verzweifelt daran – und ignorierten, dass ihnen die Luft ausging. Auch an der französischen Riviera konnten sie die dunklen Wolken irgendwann nicht mehr verdrängen. Die Dreißigerjahre mussten den Preis für die Zwanzigerjahre bezahlen.

Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“ ist eine berauschende Lektüre

Durs Grünbein gelang über das Jahr 1939 eine glasklare Bilanz, einen Ausschnitt daraus zitiert das Buch: „Denk an das Picknick der Surrealisten/ Die Erwachsenenspiele an den Ufern der Côte d’Azur/ Diesen ultimativen Sommer der Avantgarden/ Das große, das retardierende Moment/ Bevor der letzte der Humanisten/ An der spanischen Grenze/ In einem gtrockenen Flußbett elend verreckte.“

Das zu erlesen, ist tragisch, bedrückend, urkomisch, inspirierend, animierend. Und lässt uns mit Rilke am Ende einer berauschenden Lektüre selig seufzen: „Die Liebe, mein Gott, die Liebe.“

Florian Illies: „Liebe in Zeiten des Hasses“. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.; 432 Seiten; 24 Euro.
Lesung: Florian Illies stellt das Buch am 24. November 2021, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus vor; Karten – auch für den Livestream – gibt es hier

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